198
II. 2.
der Herz zum Herzen mit dem Arbeiter spricht, Frau undKindern Katli ertlieilt, sie im Unglück aufrichtet, Segen, Trostund Almosen spendet. Ihm ist keine Stube zu eng, keinWeber zu arm, kein Stolz hält ihn ab, mitten unter dem Volkesein Bier zu trinken. Wie vor tausend Jahren in raschemSiegesläufe das Christenthum die Herzen dadurch gewann, dasses als Schutz und Schirm der Schwachen und Unterdrücktensich darstellte, so hat der Katholicismus eine seiner festestenStützen in dem Verhältnis seiner Diener zum Herzen derWeber. In den Tiefen des Gemiithslebens werden beim ge-meinen Manne die politischen wie auch alle anderen Fragenentschieden. Und weil er die Wahl hat zwischen den liberalenFabrikanten hier,’ gegen deren feindlichen Willen etwas er-reicht werden soll, und den trost- und almosenspendendenKaplänen dort, welche die Erfüllung seiner Wünsche als Paroleausgeben, bleibt er nicht zweifelhaft in der Entscheidung.Wer die Macht des Katholicismus nur in der Dummheit undin dem Aberglauben der Masse sieht, der unterschätzt dieWurzel der gegnerischen Macht vollständig. Eicht darauf be-ruht dieselbe, dass der Arbeiterstand die hierarchischen Gelüstedes Priesterthums theilt, — daran ist er ja sehr wenig inter-essirt, — sondern darauf, dass die Liberalen mit den Fabri-kanten identisch sind. Die Feinde der Klerikalen sind auchdie Feinde der Arbeiter; beide eint der gemeinsame Hassgegen den liberalen Fabrikanten. Die Weber sind Anhängerdes Ultramontanismus, nicht so sehr weil er eine kirchliche,als weil er eine sociale Partei geworden ist.
Und noch ein dritter Genosse gesellt sich zum Bunde vonGeistlichkeit und Arbeiterstand: das gebildete und das kleinekatholische Bürgerthum. Auch dieses steht nicht allein inreligiöser, sondern auch in einer Art socialer Opposition, dain den katholischen Industriegegenden die Protestanten undfreisinnigen Katholiken das mobile Geldkapital und die Gross-industrie repräsentiren. Das katholische Bürgerthum jenerGegenden hat daher viel Sympathieen für den Arbeiterstand,ihm fällt die Leitung der Partei zu und die Weber haben ge-bildete Führer an der Spitze. Das ganze katholische Volksteht zusammen auf der Basis gemeinsamer kirchlicher undgemeinsamer socialer Interessen. Die Folgen dieser Allianzsind einerseits eine grosse Mässigung in den Forderungen derArbeiter, andererseits ziemlich weitgehende Forderungen derCentrumspartei, welche in den letzten zwei Jahren ein leb-hafteres Interesse als irgend eine der anderen Parteien für dieberechtigten Ansprüche des Arbeiterstandes an den Tag ge-legt hat.