Druckschrift 
1 (1879) Die linksrheinische Textilindustrie
Entstehung
Seite
196
Einzelbild herunterladen
 

Klasse mit besonderen Interessen anffassend, zu seinen Gunsteneine radikale und plötzliche Umkehrung der bestehendenpolitischen und wirthschaftlichen Zustände forderte. Vom Wupper-thale und von Düsseldorf aus schlug die socialdemokratischeAgitation auch auf die linksrheinischen Webergegenden hinüber;die Gräfin Hatzfeld bot einem als zum Processmachenbrauch-bar bekannten und von allen Parteien benutzten Meister1000 Thaler zu einem Strike.Damit könne er die Webernicht einen Tag lang ernähren, er brauche 25000 Thaler!Dann hätte ich das Geld genommen und sie hätte zusehenkönnen, wo es geblieben! fügte der Ehrenmann hinzu.

Als dann zum ersten Male das deutsche Volk zur Wahl-urne schritt, brachten die Socialdemokraten eine starke Minorität,welche sicli auf 2000 Stimmen belief, gegen den liberalen Ab-geordneten für Crefeld auf. Auch in Gladbach begann Mendeeine Agitation, er veranlasste im Jahre 1868 Strikes und sagteGeldunterstützungen zu, welche aber ausblieben. Die liberalenFabrikanten waren voller Angst; sie wandten sich an dendortigen sehr einflussreichen Oberpfarrer und baten ihn flehent-lich, gegen die Volksverführer aufzutreten. Das geschah dennauch durch eine treffliche Hede in der Kirche; dennoch brachtenes die Socialdemokraten allmählich auf 1800 Stimmen. Diesezweite Arbeiterbewegung war eine ausgesprochen politisch-demokratische und socialistische; es mochte ihr das LassallescheIdeal von Produktivgenossenschaften mitStaatshüüe vorschweben.

Als nun nach dem Kriege von 1870 die Konjunktur eineausserordentlich günstige wurde, die Löhne eine ungewöhnlicheHöhe erreichten und die fleissigen Meister es zu ganz bedeuten-dem Einkommen bringen konnten, da begann doch hier undda hervorzuschimmern, dass die Ideale des Weberstandes nichtganz mit denen der Socialdemokratie übereinstimmten. Zu-nächst täuschte sich der Weberstand in seiner Mehrheit nichtüber die Möglichkeit des Erfolges von Produktivgenossenschaften;ferner war er auch durchaus nicht zu socialistischem Zusammen-arbeiten disponirt; schon seiner lokalen Zerstreutheit wegenist er vollkommen individualistisch gesinnt und hat. daher dasklare und bündige Ziel der Individualisten, er will Unter-nehmer sein oder werden, sich etwas ersparen, etwas vorwärtsbringen; wie ein Weber sein Ideal ausmalte:Ich will selb-ständiger Meister sein, anständig dabei leben, essen und michkleiden, meine Kinder erziehen, Sonntags mit meiner Frauspazieren gehen, dann und wann mein Glas Bier trinken, da-zu meine Pfeife rauchen und mich über die Angelegenheitendes Arbeiterstandes unterhalten. Zu allem dem gehört eine ge-wisse Höhe und Sicherheit des Lohnes. Dieser wurde demWeber damals geboten, diesen reellen Nutzen der Konjunkturgenoss er, das w r ar für ihn ein greifbares Resultat. Es gabMeister mit über 600 Thaler Einkommen, die fleissigen mit