II. 2.
179
warb, liess dieser ihm sagen: er müsste zuerst etwas leisten.Das wurde ihm nicht schwer, die Gesetzwidrigkeiten warenmit Händen zu greifen; er denuncirte mehrere Kommerzienrätheund selbst einen Vetter des Ministers, und es zeigte sich bald,dass die Handelskammer-Präsidenten und die angesehenstenFabrikanten das Gesetz übertraten; trotz wiederholter Be-strafung dauerte das fort. Mit einem überlegenen Lächelnäusserte ein Fabrikant: Sie werden sich doch nicht dazu her-geben, solch’ einen Unsinn durchzuführen! Bei der nächstenRevision in seinen 'Werkstätten entstand eine allgemeine Kinder-flucht auf einen dunklen Speicher, wo der Inspektor hinterallerlei Fässern und Hölzern nach einander 27 Knaben undMädchen hervorzog. In anderen Etablissements waren dieZufluchtsorte weit unsauberer Natur. Erbittert rief ein In-dustrieller aus: die fünfzig Thaler Strafe quetsche ich in einerAVoche wieder aus den Kindern heraus!
Dieser plötzliche Diensteifer schien der Bezirksregierungübertrieben; Herr von der Heydt aber ertheilte am 20. April1855 den drei Inspektoren eine Audienz in Berlin, befragte sieeingehend und war entsetzt über ihre Schilderungen: Wennsie wahr sind, so mag doch lieber die ganze Industrie zuGrunde gehn! Er stellte die Beamten fest an, ermuthigte siezu energischem Vorgehn und gab ihnen auf, bei Confliktenmit der Bezirksregierung sich direkt an ihn zu wenden. Nichts-destoweniger trat eine strenge Durchführung nicht ein. DieInspektoren befürchteten, an dem Minister keinen genügendstarken und dauernden Rückhalt zu finden.
Immer mischten sich wieder politische Motive ein undzeigten, wie gefährlich und schädlich es bei den damaligenpreussischen Verfassungs- und Verwaltungszuständen war, dassder Minister zugleich die höchste Instanz in der Verwaltungs-jurisdiktion bildete. Der Nachfolger von der Heydt’s im Handels-ministerium, Graf von Itzenplitz, drang nicht mehr auf einestrenge Handhabung des Gesetzes.
Der Düsseldorfer Fabrikinspektor war bereits ein alter „erfah-rener“ Mann; er „liess die Dinge gehen, wie sie eben gingen “. DerArnsberger Inspektor war ein früherer Gewerbeschullehrer, erschrieb sehr lange und wohlgemeinte Berichte, fand aber schonim ersten Jahre das Gesetz völlig durchgeführt; er verlor seinGehör und starb im Jahre 1860; die Stelle blieb unbesetzt,weil man fand, dass die jugendlichen Arbeiter auch von denLokalbehörden beaufsichtigt werden könnten. Der Kollege inAachen war ein rheumatischer , neuralgischer Polizeibeamter,dem die intellektuellen Fähigkeiten und jegliche Produktivitätmangelten, der nach dreijähriger Amtsführung eine vollständigeUnkenntniss des Gewerbewesens an den Tag legte und dessenBerichte sogar der Bezirksregierung zn schönfärberisch er-
12 *