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1 (1879) Die linksrheinische Textilindustrie
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II. 2.

denn sie hatte in einem Zimmer mit dem Ehepaar und derTochter schlafen müssen und durch dasselbe gingen die er-wachsenen Söhne. In zahlreichen Fällen schlafen die Mädchenmit ganzen Familien zusammen, in andern haben sie mehr oderminder separirte Stuben. Gerade auf solche haben die Feier-lichsten Bursche ihr Hauptaugenmerk gerichtet, bei ihnen wirddie Harmonika gespielt, gesungen und Schnaps getrunken, dieschändlichsten Unsittlichkeiten begangen und mit einer Messer-affaire häufig der Kehraus gemacht. An Tagen, wo die Fabrikfeiert, geht (lies Treiben schon des Morgens an. Her bericht-erstattende Ivaplan 1 ) ist Vormittags um 10 Uhr auf Scenengestossen, wo Mädchen halbreifen Knaben in den Armen lagenund so betrunken waren, dass sie ihn kaum erkannten. Daslassen die Kostgeber zu, denn sie erblicken in dem Haltenjunger Leute nur ein Mittel Geld zu verdienen; je mehr sieausgeben, desto mehr sehen sie ihnen nach; haben sie es selbstdoch nicht besser getrieben. Dazwischen laufen die eigenenkleinen Kinder und die allgemeine sittliche Verpestung desVolkes ist die Folge. In Gladbach sind solche Scenen in (lenWohnungen selbst weniger beobachtet worden; sie spielen sichmehr beim Nachhausegehn aus der Fabrik ab, welche oft eineStunde von der Wohnung entfernt liegt; die Kornfelder amWege sind im Sommer schrecklich verwüstet. Dazu kommt,dass bei grossem Ueberseliuss der Mädchen und ihrem reich-lichen Verdienst die Jünglinge sehr gesucht sind und beim Tanzund anderen Vergnügungen frei gehalten werden.

In den ländlichen Fabriken ergaben sich bis in die jüngsteZeit theil weise fast noch schlimmere Zustände. Lagen dieSpinnmühlen und Fabriken wie z. B. an den Wassergefällender Wupper bei Lenne]) oft stundenweit von menschlichenWohnorten entfernt, wer wollte dann bei Schnee und Kälte,Regen und Wind nach Hause? Es scharrten sich die Arbeiterdie Flocken und Abfälle zusammen in die Ecken; dort hattensie es wärmer und weicher als auf dem harten Lager daheim,die Lichter wurden ausgelöscht und in den stauberfüllten, ver-pesteten Sälen begann nicht der Friede des Schlummers, neindie entsetzlichsten Orgien, von deren wilder Lust die Kinderdie Zuschauer abgaben. Wenn gar die Arbeit um Mitternachtoder um drei Uhr Morgens geschlossen wurde, da konnten dieMädchen sich den ganzen Tag über nicht erholen und schmerz-erfüllt sah sie der Fabrikinspektor sich auf der Dielewälzen.

Am Tage wurde der Grund zu den nächtlichen Aus-schweifungen gelegt. In den Anfängen des Fabriksystems und

') Dr. Norrenberg a. a. 0. S. 35.