Druckschrift 
1 (1879) Die linksrheinische Textilindustrie
Entstehung
Seite
136
Einzelbild herunterladen
 

136

II. 2.

falliren, es finden Zwangsverkäufe statt und üben eine ähnlicheRückwirkung auf die Gesammtlage der Industrie.

Es gelangt hier der wesentlichste Unterschied zwischenCrefeld und Elberfeld zur Geltung. Ersteres producirt in derHauptsache Stapelartikel, wie leichte Seidenstoffe und Sammete,letzteres, namentlich früher, gemusterte Modeartikel. In ersterenist ein Lager möglich, weil die Bestände stets verkäuflichbleiben; Modeartikel aber entwerthen total und werden dahernur auf Bestellung gearbeitet. Tritt nun einmal ein Rück-schlag ein, so sucht man in Crefeld wenigstens zu so billigemLohne als möglich auf Lage)- zu arbeiten, um beim nächstenPreisaufschlage am Agio zu profitiren; es kann daher, wenn auchbei Hungerlöhnen, immer fortgearbeitet werden. Bei Mode-artikeln in Elberfeld spielt der Lohn eine geringere Rolle; istdie Waare in der Mode, so wird jeder Preis und auch jederLohn gezahlt; ist sie es nicht, so wäre es Unsinn, auf Lagerzu arbeiten; daher konstanter Lohn, aber schwankende Be-schäftigung. Darum lautet die Parole, welche die Weber denFabrikanten gegenüber ausgeben: in Crefeld gleichmässigerLohn, in Elberfeld fortlaufende Beschäftigung!

Je nach den Ursachen der Krisen ist ihr Verlauf ein ver-schiedener. Eine Vertheuerung des Rohstoffs hat z. B. aufdie Sammet- und Sammetbandindustrie einen geringeren Ein-fluss als auf die Stoffe, weil bei ihr die Handarbeit den grösstenAntlieil am Wertlie des Produkts ausmacht, welches denselbennur zu einem Drittel, neuerdings in Folge der Anwendung vonChappe und Baumwolle sogar in noch geringerem Grade vomMaterial empfängt; die äusserste Zone der Weberei bleibt wieim Jahre 1865 in ungestörter Wirksamkeit. Der Rückschlagtrifft in diesem Falle die Seidenstoffe und Seidensammete, woder Rohstoff zwei Drittel des Werthes ausmacht; aber wennsonst die Geschäftslage eine günstige ist, schaffen halbseideneStoffe, z. B. 1867 Atlas, Popeline, guten Rath; auch suchtman in der mittleren Zone sich mit Sammetweben auszuhelfen.Die Weber im Centrum mit ihren mehr von der Mode alsvom Rohstoffe abhängigen Geweben bleiben relativ beschäftigt.Die Versuche, die Produkte der äusseren Zone während derNothzeit'im Centrum einzubürgern, misslangen z. B. im Jahre1867 vollständig; die Löhne waren nicht hoch genug und dieStadtweber befürchteten mit Recht eine dauernde Erniedrigungihres Lohnniveaus. Bei einer Steigerung der Rohseidenpreisetritt der Vortheil ein, dass die Händler eine gewisse Bereit-willigkeit an den Tag legen, auch höhere Preise für die Waarenzu zahlen, und dass die kleineren Konkurrenten fast ausserStande sind, fortzuarbeiten und die Löhne zu drücken. Ander-seits vermögen nunmehr auch die grösseren Firmen nicht aufLager aibeiten zu lassen, weil selbst die gedrücktesten Löhnedurch die Steigerung des Rohstoffpreises ausgeglichen Averden