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1 (1879) Die linksrheinische Textilindustrie
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II. 2,

Durch eine solche künstliche Vertheuerung ihrer Lebensmittelund Miethen werden zahlreiche arme Familien vollendsruinirt. Verhältnisse dieser Art sind überaus häufig, und wasdas schlimmste ist, sie gelten in den Augen der Betreffendennicht einmal als etwas schlechtes. Es ist mir von glaubwürdigerSeite ein sehr frommer Krämer gezeigt worden, der Sonn-tags aus freien Stücken den Küster spielt, sich aber nichtscheut, 16 Familien wie Leibeigene zu behandeln. Nicht vielbesser ist das Verhältniss dann, wenn der Krämer zwar nichtMiether des Hauses ist, aber im Aufträge des HausbesitzersSamstags die Miethen einsammelt. Diese Sorte von Krämernsind die Vampyre, welche auf den Schlachtfeldern der Industrieden Verwundeten noch den letzten Tropfen Blutes aussaugen.

Doch eilen wir fort aus diesen Strassen des Elends durchdie Comphausbad-Strasse, am Kurhause vorbei, den Damen-graben entlang zum Elisenbrunnen, durch den prächtigen Theilder Bäderstadt mit ihren reinlichen Häusern, glänzenden Lädenund unerschwinglichen Preisen. Hier ist kein vorlauter Stein,welcher dem mühsam sich dahinschleppenden Badegast(Schmieronkel genannt) das Gehen erschwerte; hier wie aufder Theater- und Hochstrasse hinauf ist sogar das Pflasterglatt und eben, entsprechend einer luxuriösen Fremden- undRentnerstadt! Hier begegnet man der vornehmen Welt, denüppigen Schönheiten Aachens, den Badegästen aus aller HerrenLänder.

Aachen ist die Stadt der grellen Gegensätze! Indess heiweitem nicht alle Arbeiter wohnen in oben geschilderten Ver-hältnissen; dass sind nur die Proletarier und Verarmten, derenZahl schwer anzugeben ist. Ueberall zerstreut finden sich auchFamilien mit zwei Stuben, und die Blumen vor dem Fensterverkünden dem Untenstehenden, was er oben zu erwarten hat.Das sind die wohlhabenden, tüchtigen Arbeiter, welche auchhei Krisen noch Arbeit finden und deren Frauen gute Haus-hälterinnen sind. Vor allem haben die Arbeiter durch eineverfehlte Bauspekulation der 1860er Jahre gewonnen. ImOsten der Stadt entstand das grosse Rehmviertel, welcheszum Quartier für die Reichen bestimmt war; indess es zeigtesich damals kein Bedürfniss danach, und der Erbauer wargenöthigt, die leer stehenden Häuserreihen an Arbeiter zuvermiethen; so ist jener Stadttheil statt eines plutokra-tischen ein Arbeiterquartier geworden. Vom Marmorhodenführen reichgeschnitzte Geländer die Freitreppe hinauf, undkaum wagt man, unangemeldet einzutreten. Der Grund derhellen Tapete ist noch erkennbar, die Goldleisten am Gesimseund die reiche Stuckatur sind noch erhalten; doch stattdes geträumten prachtvollen Stehspiegels gewahrt man eingrelles Oeldruckbild des Fapstes, statt des reichen Kamineseinen einfachen gusseisernen Kochherd, und wo einst die