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II. 2.
es zu stillen; lauter schreit das Kind, wieder reicht die Mutterihm die Brust, und das Kind saugt und saugt; doch keineNahrung entquillt derselben; immer unruhiger wird es, immermehr magert es ah: die Mutter merkt nicht, dass das Kindan ihrer Brust — verhungert. Nachts bevölkert sich der Raum;der Mann, ein durch die Krisis arbeitslos gewordener Nadler,kehrt zurück von seinen vergeblichen Gängen um Beschäf-tigung; die sechs anderen Kinder kommen vom Spiele aufder Gasse zurück und drängen sicli um die wenigen ..Erd-äpfel 1 ' und das Brot, welches der Armenpfleger ins Hausgebracht hat. Dann werden die Strohsäcke unter dem Bettehervorgezogen, und bald wälzen sich die neun Personen imengen, dumpfen Raume. Kein Fenster zum Lüften ist da, nuroben im Dache eine Luke von l 1 /» Fuss Länge und 3 /L FussBreite; auf diese Scheibe prasselt die ganze Nacht der Regen,und durch dieses Guckloch brennt den langen Tag über dieSonne; — doch mag sie scheinen tagelang, jahrelang, siebringt sie endlich heraus: all die Notli, die hier verborgen!
Ist dieses Bild auch der Höhepunkt des Elends, das ichauf meinen Wanderungen durch die Aachener Arbeiterquartiereentdeckte, sehr viel besser ist es in den meisten Strassen derinnern Stadt nicht. Meist in den Stuben dieselbe Blosse, inden Höfen der gleiche Gestank, vor den Thüren die abge-härmten Mütter mit den unglücklichen Kleinen und auf denStrassen die zahllosen Kinder, welche sich umhertummeln undspielen. Man liebt in Aachen diese zahlreichen Kinderschaarenauf den Strassen nicht. Aber wo in aller Welt sollen dieKinder spielen als hier? Es fehlt in der innern Stadt durchausan freien Rasen- und Spielplätzen. Die schönen Wäldchen vorden Wällen sind ausgerodet, die Hügel versetzt; breitePromenaden sind da entstanden. Aber in diese breiten, ge-raden, styllosen Alleen kommt die Masse des Volkes nur amSonntag Nachmittag; Ruhebänke und Spielplätze fehlen; armeKinder, die allein sich dahin in der Woche verirrten, würdeder Schutzmann wohl bald nach Hause weisen. Milder istdie Praxis im grossartigen Spitalgarten vor dem Thore; dorthat man einen Spielplatz von 10 (!) Schritt Durchmesser ein-gerichtet, aber auch nur für solche Kinder, welche ein ärzt-liches Zeugniss darüber mitbringen, dass ihr Gesundheitszustandden Aufenthalt in frischer Luft erfordert, und welche in vollerToilette und unter Aufsicht erscheinen. Da bleibt dann denmeisten Arbeiterkindern kein anderer Tummelplatz als dieGasse, und da das Pilaster auf diesen ehemaligen Staatsstrassenso entsetzlich ist, dass es vielmehr Trümmerhaufen zusammen-gerollter Feldsteine gleicht, in denen das Wasser nicht ablaufenkann, sondern sich ansammelt und zu stinken beginnt, sospielen die Kinder in diesen Pfützen und Gossen. In dieseStrassen dringt kein Unberufener; über Stein- und Kinder-