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Armut oder Reichtum der deutschen Sprache?Deutsch denken! Bitdungsfähigkeit unsererSprache. Neubildungen.
Die meisten unserer Gegner räumen ein, daß der Gebrauch vieler Fremd-wörter ein Übel sei, aber sie sagen, es sei ein unvermeidliches Übel; unsereSprache besitze nicht Rottel genug, um alle Begriffe und Begriffsschattierungenwiederzugeben, welche man ausdrücken wolle; sie sei, um es offen zu sagen, zuarm. — Zst die deutsche Sprache wirklich so arm? Folgen wir der LehreRümelins und wenden wir die „statistische Methode" an. Rümclin berechnet,wie wir oben gesehen haben, daß das deutsche Wörterbuch nach seiner Vollend-ung — jetzt ist gerade die Hälfte fertig — 2>ch000 Wörter enthalten wird.Gine andere Berechnung, die mir vorliegt, kommt aus 2^0 000 Stück; A. Lucä,der Mitarbeiter au dem großen Werke, schätzt den gesamten Wortvorrat ausannähernd eine halbe Bullion. Rümelin führt diesen gewaltigen Reichtum ausdie große Zahl von Zusammensetzungen zurück, ich habe aber bereits obennachgewiesen, wie wenig stichhaltig dies ist. Zch kann auch noch hinzusügen,daß das Wörterbuch keineswegs alle Zusammensetzungen ausgenommen hat,sondern nur die häufiger vorkommeuden. Dies kann inan z. B. ersehen ausder Nachlese, welche A. Gombert in seinem „Romsinüutor amori8 oder Liebes-wörter" (Straßburg ch8Z) bei den: Worte „Liebe" vorgcnommen hat. Zu denbei Grimm aufgesührten 287 Zusammensetzungen bringt er lisch etwa 600neue hinzu.
Jedenfalls beweisen die oben angeführten Zahlen — auch wenn wir dieniedrigste Schätzung annehmen —, daß das Deutsche zu den reichsten Sprachender Welt gehört, was solche Zahlen bedeuten, wird erst klar, wenn mansich vergegenwärtigt, woraus ich schon in meinen Verdeutschungen S. hin-gewiesen habe, daß der einzelne Mensch von diesem gewaltigen Schatze nureinen ganz kleinen Bruchteil selbst verwendet. Rein einziger Mensch kennt alleWörter seiner Sprache, geschweige denn, daß er sie gebrauchte. Der Wort-vorrat des einzelnen ist nach Bildung und Begabung sehr verschieden, jeden-falls aber sehr gering. Leider sind über diese höchst anziehende und wichtigeFrage noch wenig Forschungen angestellt worden. Nach dem jetzigen Standeunserer Kenntnis scheint Shakespeare den größten Wortschatz besessen zuhaben; er verwendet in allen seinen Schriften im ganzen etwa tzöOOO Wörter;