Gustav Rümelin.
Von unseren vier Gegnern ist Gustav Rümelin der einflußreichste. SeineSteilung als Kanzler einer deutschen Hochschule, sowie die feierliche Gelegenheit, beiwelcher seine Rede über die Berechtigung der Fremdwörter gehalten wordenist in Gegenwart hervorragender Vertreter aller Wissenschaften, vor der akademi-schen fugend Tübingens, mußte seinen Äußerungen besonderes Gewicht ver-leihen, und so ist denn auch der Abdruck seiner Rede, dem ein Verzeichnis un-entbehrlicher Fremdwörter beigegeben ist (Hreiburg i. B. s887), weit verbreitetund in der Presse viel besprochen worden. Aber gerade wegen seiner Stellungund wegen jener festlichen Veranlassung war Rümelin um so mehr verpflichtet,vorsichtig und streng wissenschaftlich zu verfahren, zumal da er sich auf ein Ge-biet begab, welches seinem eigentlichen Arbeitsselde fern liegt; vor allein aberwar es seine Pflicht, sich mit den Ansichten der Gegner, die er bekämpfte, genaubekannt zu machen. Wie weit er dieser wissenschaftlichen Pflicht genügt hat,wird das folgende zeigen.
Rümelin hat entschiedene Abneigung gegen die Sprachreiniger und Zu-neigung zu den Fremdwörtern. Die letztere zeigt sich sogleich in seinerSprache: er gebraucht eine Abenge leicht ersetzbarer Fremdwörter. *) And erspricht auch ganz offen aus, daß sie ihm „gelehrter und vornehmer" erscheinenals die deutschen Ausdrücke. „Ähnlich wie bei pomer," so heißt es S. ß „dieSprache der Götter anders lautet als die der Alenschcn, so redet der Laie vonVrustkasten, pcrzbeutel, Zwerch- und Rippenfell, während der Arzt und Anatomfür solche nach Schopenhauer ein wenig an das Schlachthaus erinnerndeBezeichnungen seine gelehrten und vornehmer klingenden Worte setzt."And nicht nur vornehmer klingen ihm die Fremdwörter, sondern auch schönerund klangvoller als die gemeinen deutschen Wörter. Er findet (S. 25), daßunser Deutsch hinter den aus dem Lateinischen stammenden Sprachen an „Laut-sülle und Wohlklang entschieden zurücksteht." Wie gering seine Achtung vorunserer Sprache ist, drückt sich in überraschender Offenheit gleich im Anfängeseiner Rede aus. „Ich fühle," so heißt es dort, „mein deutsches Gewissenum kein paar inehr belastet, wenn ich nach Bedarf ein fremdsprachliches
*) So verwendet er i» seiner Rede z. L. ;2>nal „etc." und nicht ein einziges Mal „u.s.w.