Geschichtliche Entwickelung des Fremdwörter-
wesens.
welch gewaltiger Unterschied zwischen den Fremdwörtern im Deutschenund den ausländischen Bestandteilen anderer Sprachen besteht, kann man ambesten ans der Geschichte des Fremdwortes in unserer Sprache ersehen. Schonoben bei der Widerlegung der Rümelin'schen Ansicht, daß wir die Fremdwörterunseren großen Dichtern und Denkern und der Erhebung unserer Spräche zur„Llassieität" zu verdanken hätten, habe ich kurz aus diesen Punkt hingewiesen,ich möchte diesem aber noch einiges hinznfügen.
In alter Zeit hatte das Lateinische den größten Einfluß aus unsereSprache: wurde doch die ganze Anltur des Altertums und das Lhristentnmzunächst durch diese Sprache uns vermittelt. Damals wurden aber die lateini-schen Ausdrücke im Deutschen ebenso behandelt wie die Fremdwörter bei anderenVölkern, sie wurden deutscher Form und deutschem Alange angepaßt, sie wurdenLehnwörter. Die deutsche Sprache, wie sie uns in den A ceisterwerken der mittel-hochdeutschen Zeit entgegentritt, zeigt eine große Feinheit und edelsten Wohllaut,und sie ist — von einigen französischen Fremdwörtern der lhofsprache abgesehen*)durchaus rein und echt deutsch. Auch unsere jetzige Schriftsprache zeigt inder ersten Zeit dieselbe Reinheit, man denke nur an die Schriften von chansSachs, Fischart und Luther. Aber sehr bald dringen lateinische Fremdwörtel-ei». Durch das Wiederaufleben der Wissenschaften und durch die Einführungdes römischen Rechts wurde das Lateinische, das schon früher so großen Einflußgehabt hatte, allmächtig. Alle wissenschaftlichen Schriften wurden in lateinischerSprache abgefaßt: deutsche Bücher konnte ja, wie der Theologe Flacius äußerte,jeder Dorsküster schreiben! waren die Gelehrten genötigt, statt des geliebtenLateins Deutsch zu schreiben, so mischten sie möglichst viele lateinische „terimni"mit ein. „was hetten wir noch zumal für ein sprach, wann die latcin nit wär,welches dem Teutschen nit eine kleine zier gibt" — so sagt der Verfasser desersten deutschen Fremdwörterbuchs, Simon Rot ft372). Über die Sprachmengereiin den Streitschriften zu Luthers Zeiten urteilt Rückert in der Geschichte derneuhochdeutschen Schriftsprache II ^36: „Jene Sprachmengerei einzelner Latinis-men war häßlich genug, besonders da bei diesen Leuten — es bald die Diodeerforderte, es nicht bloß bei einem ganz oder halb fremdwüchsigen Worte bewenden
*) Man vergleiche die genauen Untersuchungen von G. Steiner (Bartsch, GermanistischeStudien II, 25Z—258) und ks. Fischer (Bartsch, Germania 27, 22s).