Wir finde,i hier deutliche Anklänge cm Hcrmcm Grimm, nur daß Rümelinweit vorsichtiger ist als dieser. Er gestattet zwar dein Schriftsteller, seine Aus-drücke zu nehmen, woher er nur will, aber nur — wenn ein deutscher Ausdruckfehlt, und wenn das Fremdwort dein Angcredcten verständlich ist. Freilich kommtder erstere Fall nach seiner Ansicht sehr häufig vor; denn die deutsche Spracheist nach Rümelin ziemlich arm.
Diese angebliche A rinnt unserer Sprache, — bisher galt sie für eine derreichsten Sprachen — sucht er, „statistisch" zu erweisen (S. s.). Er berechnet,
daß das Griinin'sche Wörterbuch nach seiner Vollendung etwa 2chOOO Wörterumfassen werde; diese Zahl erscheine zwar außerordentlich hoch gegenüber demFranzösischen und Englischen, da das „sehr vollständige" Sprachwerk von Littrönur ^09000 Wörter enthalte und für den englischen Sprachschatz die höchsteAngabe ^20000 betrage; aber dieser auffällige Vorsprung des Deutschen er-kläre sich aus den massenhaften Zusammensetzungen, die es im Deutschen gebe,dagegen fei unsere Sprache arm an Stamm- oder Wurzelwörtern; er habederen nicht ganz ZOOO gefunden, während es im Französischen 5 Z 00 und nochviel mehr im Englischen gebe. — Das ist etwas ganz Neues. Zunächst wassind Stamm- und Wurzelwörter? Ich habe verschiedene sprachkundige Freundedarnach gefragt, keiner wußte, was er sich dabei denken sollte. Rümelin nenntsie einfache Wörter, iin Gegensätze zu den zusammengesetzten oder Doppel-wörtern. Darnach müßte man annehmen, daß z. B. die aus einer Wurzelstammenden Ausdrücke fahren, Fahrt, Fahrer, fahrig, Fahrnis, Fährte, Gefährte,Gefährt, fertig, fertigen, Fertigung, Fertigkeit, Fähre, Ferge, führen, Führer,Führung, Fuhre, Furt, Furche, furchen u. f. w. Stamm- und Wurzelwörter imSinne Rümelins seien. So ineint er cs aber nicht. Er löst das Rätsel durcheine Anmerkung auf S. 2tz in welcher er uns offenbart, er habe diese Zahlin der Weise gefunden, daß er in Weigands Deutschem Wörterbuche „unter Beiscite-lassung der als Fremdwörter bezcichneten Ausdrücke die Wörter gezählt, welcheWeigand dadurch, daß er sie nicht auf einen anderen in seinem Werke vor-kommenden Wortartikel zurücksührt, als selbständige Wurzeln (!) anerkennt."Also alle die angeführten einfachen Nildungen fahren, Fahrt u. s. w. rechnetRümelin als ein Wurzclwort. Das ist doch mehr als laienhaft! Für jedenFreund der Sprache ist es eine wahre Herzensfreude zu sehen, wie aus einerWurzel ein so stattlicher Stamm mit vielverzweigtem Geäst emporwächst, —aber unser „Statistiker" schätzt solch einen stolzen, edlen Bauin nicht höherals einen elenden Stumps, der keinen Zweig mehr zu treiben im stände ist.Da begreift man, wie die 2ch000 Wörter auf Z000 „Wurzclwörter" zu-sammenschrmnpfen können.
Rümelin sieht übrigens selbst ein, daß er sich mit seiner „Statistik" auffalschem Wege befindet. In einer zweiten Anmerkung derselben Seite macht erdas merkwürdige Geständnis: „die Zahlen sind freilich nicht unmittelbarvergleichbar, schon weil die französische Sprache eigene Stammwörter