Technik an das Fenster im .Bibliotheksaal des Kölner Domes erinnern,auf mehrere kleine, niedriger stehende Fenster vertheilen, damit dieeinzelnen Felder zur Geltung kommen, und das Auge des Beschauerssich an der Feinheit der Einzelheiten ergötzen kann.
Welchen Einfluss hat das Material auf die Zeichnung? „JederUrstoff hat in der symbolischen Formensprache seinen eigenen Dialekt“ ').Demzufolge müssen die Glasmalereien aller Epochen neben den Formender entsprechenden Periode durchaus ihren Materialcharakter wahrenund deshalb von vorherein auf unberechtigten Realismus frei bewegterund lebendiger Darstellungen verzichten. Die Alten haben sich vorjeder Missachtung oder gar Vergewaltigung der Eigenart des Stoffesglücklich gehütet, im Gegentheil die Glasgemälde für Stoff, Technikund Bestimmung charakteristisch zu gestalten gewusst und ihnendadurch ihren eigenthiimlichen, bezaubernden Reiz verliehen. Durch-sichtigkeit oder wenigstens kräftige Dur chsch ei n igkei t ist diebesondere Eigenthümlichkeit des Glases, sein eigentliches Wesen undsein Recht. Die Technik der alten Glasmaler ist in Wahrheit Glas-arbeit; sie bewegt sich innerhalb der natürlichen Grenzen, welche dasMaterial gesteckt hat, und diese Stoffgerechtigkeit ist ihr Vorzug.
Das Streben, durch schlecht angebrachte Künstelei etwaige Schwierig-keiten des Stoffes zu überwinden, seine durch scheinbare Uebelständeund Mängel bedingte Eigenart zu verhüllen, ist nicht nur falsch undstilwidrig, sondern zeugt von gänzlichem Mangel an künstlerischemEmpfinden. In vollstem Gegensatz zu der Vorschrift, „dass ein Kunst-gegenstand nicht sinnlich als Stoff wirken soll,“ muss gerade beim Glas-fenster der Stoff sich aufdrängen. Bei noch so kunstvoll geschnitztenMöbeln, bei allen Holzarbeiten will man das Holz, den Urstoff, in seinernatürlichen Maserung erkennen, es sei denn, dass deren Eingliederungin einem bestimmten Raume die Polychromie verlangt. Gobelins sollenuns keine Wandmalerei vortäuschen, sondern ihr „kräftiges Gewebe“klar zu Tage treten lassen, wie auch in der Stickerei, dieser Art Mosaikin Fäden, die Art der Arbeit deutlich erkennbar sein muss 2 ). Kurz,es muss Wahrheit herrschen, der Schein muss dem Sein entsprechen.Wird der Grundsatz der innern Wahrheit innegehalten, dann stört imFenster die mehr oder weniger richtige Zeichnung nicht. Bis heutesind Glasfenster der gothischen und spätestgothischen Zeit erhaltengeblieben, welche trotz der bessern Zeichnung den Materialcharakter voll
*) Skizze zu einer praktischen Aesthetik der Baukunst und der ihr dienendenSchwesterkünste. H. Maertens, Kgl. Baurath, Berlin 1885, S. 53.
-) „Wenn man durch Sticken oder Weben die Kupferstecherkunst nachahmt,so ist dies ein widerwärtiges Virtuosenthum, indem uns Bewunderung abverlangt wirdfür die Ueberwindung von Schwierigkeiten, ohne dass das Endresultat uns erfreuenkann.“ Brücke a. a. O. S. 309.
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