Grösser ist der Einfluss, der zweiten Thäiigkeit. Das Auge gewöhnt sich daran,störende Linien zu übersehen; es beachtet beim häufigen Beschauen von Kirchen-fenstern weder Sturmstangen noch Windruthen ; ähnlich verhält es sich mit den Noth-bleien. Eine Wirkung, wie sie uns von Viollet le-Duc vorgeführt wird, ist trotzdemschlechterdings unmöglich. Auf 20 Meter Entfernung wird und muss ein normal-sichtiges Auge die Bleie noch sehen; das geistige Auge mag sie ignoriren, wird aberniemals eine so zarte, formvollendete Modellirung heraussehen. Zum vollen Verschwindender Bleie gehört eine bedeutend grössere Entfernung, bei welcher man sicherlich keinesolche Einzelheiten mehr wahrzunehmen vermag, wie sie die Abbildung bei Viollet-le-Duc enthält. Abgesehen davon konnten die alten Glasmaler keine derartige Model-lirung beabsichtigen, da ihnen der Begriff derselben fremd war.
Schon früher ‘) haben wir auf den richtigen Massstab aufmerksamgemacht, welcher in den Glasfenstern bei der Bemessung der Grössen-verhältnisse und der Stärke der Zeichnung angelegt werden soll. Habendie Alten in dieser Beziehung den richtigen Weg innegehalten? Nichtimmer.
In dem Auge nahestehenden Fenstern sehen wir Riesenfiguren inschwerfälliger Technik angebracht, während umgekehrt verhältnissmässigkleine Medaillons mit winzigen Figuren, auf zierlichem Blattornamentaufgelagert, die Felder sehr hoch stehender Fenster füllen, so dass trotzder kräftigen Konturen und trotz der auf Klarheit berechneten, scharfabgegrenzten Gruppirung die Darstellungen nicht gerade mehr deutlichgenannt werden können, so im Dom zu Regensburg, in St. Peter undPaul zu Weissenburg i. E., in der Stiftskirche zu M. Gladbach, inSt. Jakob zu Rothenburg a. d. Tauber, ganz besonders aber in derSt. Chapelle zu Paris. Bei manchen lässt die herrliche Farbenwirkungden Uebelstand übersehen. Bei den manchmal gar zu kleinen, nichtsweniger als dekorativ wirkenden Gesammt- und Einzel-Formen dürfteauch die beabsichtigte „teppichartige Wirkung“ als Entschuldigung nichthinreichen. Die kleinen Legendenmedaillons gehören in die niedriggelegenen Fenster, da doch die Erkennbarkeit der betreffenden Dar-stellungen ein sehr wichtiger, wenn auch nicht der allerwichtigte Zweckderselben ist. Nur zu oft wurde gegen den optischen Massstab gefehlt,doch niemals mit solchen Folgen, wie dies am Schluss der 8oer Jahrein dem grossen Nord-Fenster des Querschiffes in der St. Katharinen-kirche zu Oppenheim geschehen ist. Hier hat man die spätgothischen,zart modellirten kleinen Gruppenbildchen, 34 an der Zahl, welche • biszum Jahre 1887 in den Freiherrl. von Zwierlein’schen Sammlungen zuGeisenheim die Fenster des Mittelsaales bildeten, in das grosse vier-theilige Fenster eingesetzt, wo die herrlichen Werke kaum zu erkennensind und in ihrer Gesammtheit nur die Stelle von Grisaillen vertreten.Möchte man doch recht bald diese kostbaren Arbeiten, welche in der
') Oiütmann I, S. 64.
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