Druckschrift 
2. Theil, Die Geschichte der Glasmalerei Bd. 1 (1898) Die Frühzeit bis zum Jahre 1400
Entstehung
Seite
125
Einzelbild herunterladen
 

maler sich vor giftig grünen und blaugrünen 'Ionen; er bevorzugte diewarmen, gelblichen, saft- und olivgrünen Farben, welche zu den übrigenFarben passten; überdies wusste er mit der Anwendung dieser für dieGesammtstimmung immerhin bedenklichen Farbe vernünftig Mass zuhalten.

Nicht selten liegt auf alten Fenstern ein Gesammtton über demGanzen, ohne dass dieser Ton in den Gläsern selbständig vertreten ist,so z. B. der kalte violette Hauch auf französischen Werken, der warm-grünliche auf deutschen Arbeiten. Aus andern Fenstern strahlt uns einheller Silberschimmer entgegen, so besonders von einem Fenster inSt. Lorenz zu Nürnberg und von vielen spätgothischen Fenstern derrheinischen Schule; über andere ist ein warmer, goldig leuchtenderGesammtton ausgebreitet. Dieser mehr oder weniger warme oder kalteHauch wird in erster Reihe durch die Art der angewandten Lokalfarbenbewirkt, jedoch manchmal durch die Mischung des Schwarzloth beein-flusst. Besonders in romanischen und friihgothischen Medaillonfensternbegegnen wir einer solchen Kleinarbeit in der Farbe, einer solchen Zer-bröckelung der Tinten, dass die einzelnen Farben für sich kaum zurGeltung kommen, wohl aber ein unbestimmter, bezaubernder Farben-schimmer auf den Fenstern ruht. Kalte, graue Mischung der Kontur-und der Schattirfarbe wird dem Ganzen etwas Frostiges mittheilen,während die braunen, manchmal röthlichen Mischungen dem Fenster einwarmes Gepräge aufdrücken. Diese Wirkung der Malfarbe tritt besondersdeutlich bei den farblosen Grisaillen in die Erscheinung.

Sorgfältige Yertheilung der Farben und feine Abwägung derselbengegeneinander, Vermeidung grösserer einfarbiger Flächen, das war dieHauptregel für den alten Glasmaler. Bald sucht er geschickt wirkungs-volle Kontraste, bald weiss er sie glücklich zu vermeiden und er erreichtsein Ziel durch ruhigen Einklang der Farben. Nur selten werden wirMissgriffen begegnen, dass zu helle Töne als Lücken herausfallen oderzu dunkle Stellen als schwarze Flecken aufstossen; dabei ist die Kraftder einzelnen Farbe für den ihr gewährten Umfang massgebend. Mitsicherem Geschick wusste der alte Glasmaler schlecht wirkende oderstark vorspringende Farben auszusc.halten oder wenigstens möglichst ein-zuschränken.Weisse Gläser wurden deshalb mattirt.

Von einer Farben-Symbolik kann in der alten Glasmalereiim allgemeinen keine Rede sein; wenngleich wir mit Schniitgen invereinzelten Fällen eine solche anerkennen müssen, so z. B. bei dergrünen Farbengebung des Kreuzesstammes; ebensowenig wurde dieFarbenstimmung dem Inhalte der Darstellung angepasst, wie man dies,der Uebereinstimmung zwischen Text und Melodie im Liede entsprechend,vielleicht hätte annehmen können. Dagegen macht sich, wie pompe-janische und etruskische Malerei durch ihre eigentlhimliche Farbenwahl