302
Theorie des Erröthens.
Cap. 13.
die Erinnerung unserer erhitzten Gesichter concentriren, derselbe Theildes Sensoriums, welcher uns das Bewußtwerden wirklicher Hitze mit-theilt, in einem gewissen unbedeutenden Grade gereizt wird, und inFolge hiervon kann ein gewisses Maß von Nervenkraft an die vaso-motorischen Centraltheile übersendet werden, so daß die Haargefäßedes Gesichts sich erweitern. Ha-..nun die Menschen im Verlaufe end-loser Generationen ihre Aufmerksamkeit häufig und ernstlich ihrerpersönlichen Erscheinung gewidmet haben und besonders ihrem Ge-sichte, so wird jede beginnende Neigung der Haargefäße des Gesichts,in dieser Weise afficirt zu werden, im Laufe der Zeit durch die ebenerwähnten Grundsätze, nämlich daß Nervenkraft leicht gewohntenCanälen entlang ausströmt, und durch vererbte Gewohnheit bedeutendverstärkt worden sein. Es wird hierdurch, wie mir scheint, eineplausible Erklärung für die mit dem Acte des Erröthens in Verbin-dung stehenden leitenden Thatsachen dargeboten.
Recapitulation. — Männer und Frauen, und besonders diejungen, haben stets in hohem Grade ihre persönliche Erscheinungwerth gehalten und haben in gleicher Weise die Erscheinung Andererbeobachtet. Das Gesicht ist der hauptsächlichste Gegenstand derAufmerksamkeit gewesen, trotzdem, wenn der Mensch, ursprünglichnackt gieng, die ganze Oberfläche seines Körpers beachtet wordensein wird. Unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst wird beinahe aus-schließlich durch die Meinung Anderer angeregt; denn kein in ab-soluter Einsamkeit lebender Mensch würde sich um seine Erscheinungkümmern. Jedermann fühlt Tadel empfindlicher als Lob. Sobald wirnun wissen oder vermuthen, daß Andere unsere persönliche Erschei-nung geringschätzen, wird unsere Aufmerksamkeit sehr stark auf unsselbst und ganz besonders auf unser Gesicht gerichtet. Die wahr-scheinliche Wirkung hiervon wird, wie soeben erklärt wurde, die sein,daß der Theil des Sensoriums, welcher die empfindenden Nerven desGesichts erhält, zur Thätigkeit veranlaßt wird; und dieser wird durchdas vasomotorische System auf die Haargefäße des Gesichts zurück-wirken. Durch häufige Wiederholung während zahlloser Generationenwird der Proceß in Association mit dem Glauben, daß Andere sichGedanken über uns machen, so gewohnheitsgemäß geworden sein,daß selbst eine bloße Vermuthung ihrer Geringschätzung genügt,die Haargefäße zu erschlaffen ohne irgend einen bewußten Gedankenan unser Gesicht. Bei einigen empfindsamen Personen ist es hin-reichend, auch nur ihren Anzug zu beachten, um dieselbe Wirkung