Cap. 11.
Schuld. •— Stolz.
231
„werden, während das Gesicht nicht nach derselben Seite gedreht„wird, so erhalten wir die natürliche Sprache dessen, was man„Schlauheit nennt.“
Von allen den obengenannten complicirten Seelenbewegungenist vielleicht der Stolz die am deutlichsten ausgedrückte. Ein stolzerMensch drückt sein Gefühl der Überlegenheit über Andere dadurchaus, daß er seinen Kopf und Körper aufrecht hält. Er ist erhaben(„haut“ oder hoch) und macht sich selbst so groß wie möglich aus-seliend, so daß man metaphorisch von ihm sagt, er sei vor Stolzgeschwollen oder ausgestopft. Man sagt zuweilen, daß ein Pfauhahnoder ein Truthahn, der mit aufgerichteten Federn umherstolzirt, einSinnbild des Stolzes sei 13 . Ein arroganter Mensch blickt auf Andereherunter und läßt sich kaum dazu herab, sie mit gesenkten Augen-lidern anzusehen, oder er kann auch seine Verachtung durch unbe-deutende Bewegungen ausdrücken wie die vorhin beschriebenen umdie Nasenlöcher oder die Lippen herum. Der Muskel, welcher dieuntere Lippe vorzieht, ist daher der Musculus superbus genanntworden. In einigen Photographien von Patienten, die an der Mono-manie des Stolzes litten und die mir Dr. Cbichton Bhowne geschickthat, wurde der Kopf und der Körper aufrecht getragen und der Mundfest geschlossen. Diese letztere Thätigkeit, die für die Entschieden-heit ausdrucksvoll ist, ist, wie ich vermuthe, eine Folge davon, daßder stolze Mensch vollständiges Selbstvertrauen in sich fühlt. Derganze Ausdruck des Stolzes steht in directem Gegensätze zu demder Demuth, so daß hier von dem letzteren Seelenzustande nichtsweiter gesagt zu werden braucht,
Hülflosigkeit; Unfähigkeit: Zucken mit den Schul-tern. — Wenn Jemand auszudrücken wünscht, daß er etwas nichtthun, oder daß er nicht verhindern kann, daß etwas geschehe, soerhebt er oft mit einer schnellen Bewegung beide Schultern. Wenndie ganze Geberde vollkommen ausgeführt wird, so biegt er zu der-selben Zeit seine Ellenbogen dicht nach innen, erhebt seine offenenHände und dreht dieselben nach auswärts mit auseinander gespreiztenFingern. Häufig wird der Kopf etwas nach einer Seite gewendet,die Augenbrauen werden erhoben, was dann wieder Falten quer über
13 Grratiolet (De la Physionomie, p. 351) macht diese Bemerkungen undtheilt auch einige gute Bemerkungen über den Ausdruck des Stolzes mit; s. auchSir Ch. Bell (Anatomy of Expression, p. 111) über die Thätigkeit des Mus-culus superbus.