Druckschrift 
Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren
Entstehung
Seite
203
Einzelbild herunterladen
 

Cap. fl.

Schmollen.

203

Wuth bei den Erwachsenen aller Rassen vorhanden. Manche Kinderstrecken den Mund vor, wenn sie schüchtern sind, und dann kannman kaum sagen, daß sie schmollen.

Nach den Erkundigungen, welche ich bei mehreren großen Fa-milien angestellt habe, scheint das Vorstrecken des Mundes bei euro-päischen Kindern nicht sehr allgemein zu sein; doch kommt es aufder ganzen Erde vor und muß bei den wilden Rassen sowohl all-gemein als auch scharf ausgesprochen sein, da es die Aufmerksam-keit vieler Beobachter gefesselt hat. Es ist in acht verschiedenenBezirken in Australien bemerkt worden, und einer der Herren, diemir Aufschlüsse verschafften, bemerkt, wie bedeutend dann die Lippender Kinder vorgestreckt werden. Zwei Beobachter haben das Mund-verziehen bei Kindern der Hindus gesehen, drei bei denen der Kaffernund Fingos in Süd-Africa und bei den Hottentotten, und zwei beiden Kindern der wilden Indianer von Nord-America. Verziehen desMundes ist auch bei den Chinesen, Abyssiniern, Malayen von Malacca,den Dyaks von Borneo und häufig bei den Neu-Seeländern beobachtetworden. Mr. Mansel Weale theilt mir mit, daß er nicht bloß beiden Kindern der Kaffern, sondern auch bei den Erwachsenen beiderleiGeschlechts gesehen habe, wie sie, wenn sie mürrisch sind, ihreLippen bedeutend vorstrecken, und Mr. Stack hat dasselbe in Neu-seeland zuweilen bei den Männern und sehr häufig bei den Frauenbeobachtet. Eine Spur derselben Ausdrucksform läßt sich gelegent-lich selbst bei erwachsenen Europäern entdecken.

Wir sehen hieraus, daß das Vorstrecken der Lippen besondersbei kleinen Kindern über den größten Theil der Erde für das mür-rische Schmollen characteristisch ist. Diese Bewegung ist dem An-scheine nach ein Resultat davon, daß eine ursprüngliche Gewohnheithauptsächlich während der Kindheit, beibehalten worden ist oderdaß gelegentlich zu ihr zurückgegriffen wird. Junge Orangs undChimpansen strecken ihre Lippen bis zu einem außerordentlichenGrade vor (wie in einem früheren Capitel beschrieben wurde), wennsie unzufrieden, etwas erzürnt oder mürrisch sind, auch wenn sieüberrascht, ein wenig erschreckt werden und selbst wenn sie in un-bedeutendem Grade vergnügt werden. Der Mund wird hier wie esscheint zu dem Zwecke vorgestreckt, um die den verschiedenen Seelen-zuständen eigenthümliclien Laute hervorzubringen; wie ich beimChimpansen beobachtete, ist die Form des Mundes etwas verschieden,wenn der Ausruf des Vergnügens und wenn der des Zorns ausge-stoßen wird. Sobald diese Thiere in Wuth gerathen, ändert sich die