Druckschrift 
Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren
Entstehung
Seite
204
Einzelbild herunterladen
 

204

Ausdruck des Sckmollens.

Cap. 9v

Form des Mundes vollständig und die Zähne werden dann gezeigt.Wenn der erwachsene Orang verwundet wird, so gibt er, wie manerzählt,einen eigenthttmlichen Schrei von sich, der zuerst aus hohenTönen besteht, sich aber zuletzt in ein leises Brummen vertieft.Während er die hohen Töne ausstößt, streckt er seine Lippen trichter-förmig vor, beim Brummen in den tiefen Tönen hält er seinen Mundweit offen n . Beim Gorilla ist die Unterlippe, wie angegeben wird,großer Verlängerung fähig. Wenn dann nun unsere halbmenschlichenUrerzeuger ihre Lippen, wenn sie verdrießlich oder etwas erzürntwaren, in derselben Weise vorstreckten, wie es die jetzt lebendenmenschenähnlichen Affen thun, so ist es keine anomale, aber dochmerkwürdige Thatsache, daß unsere Kinder in ähnlichen Affecteneine Spur derselben Ausdrucksform und eine geringe Neigung, einenLaut auszustoßen, darbieten. Denn es ist bei Thieren durchaus nichtungewöhnlich, daß sie Charactere, welche ursprünglich ihre erwach-senen Urerzeuger besaßen und welche noch immer von bestimmtenArten, ihren nächsten Verwandten, besessen werden, während derJugend mehr oder weniger vollkommen beibehalten und später ver-lieren.

Es ist auch keine anomale Thatsache, daß die Kinder der Wildeneine stärkere Neigung zum Vorstrecken der Lippen, wenn sie mür-risch schmollen, darbieten, als die Kinder civilisirter Europäer; denndas Wesen der Wildheit scheint in der Beibehaltung eines ursprüng-lichen Zustandes zu bestehen, und dies gilt gelegentlich sogar fürkörperliche Eigenthümlichkeiten n . Man könnte dieser Ansicht vondem Ursprünge des Mundverziehens den Umstand entgegenhalten, daßdie menschenähnlichen Affen ihre Lippen auch dann vorstrecken,wenn sie erstaunt und selbst wenn sie etwas vergnügt gestimmtsind, während bei uns der Ausdruck allgemein auf einen mürrischenSeelenzustand beschränkt ist. Wir werden aber in einem späterenCapitel sehen, daß die Überraschung bei verschiedenen Menschenrassenzuweilen zu einem geringen Vorstrecken der Lippen führt, obschongroßes Überraschen oder Erstaunen gewöhnlicher dadurch gezeigtwird, daß der Mund weit geöffnet wird. Ebenso ziehen wir ja, wennwir lächeln oder lachen, unsere Mundwinkel zurück und haben daherjede Neigung die Lippe vorzustrecken, wenn wir vergnügt gestimmt

11 Sal. Müller, citirt von Huxley, Zeugnisse für die Stellung des Men-schen, S. 44 (Übersetzung).

12 Ich habe mehrere Beispiele hiervon in meinerAbstammung des Men-schen, Bd. 1, Cap. 4 gegeben.