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Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren
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Ausdruck des Leidens.

Cap. 6.

werden oder solchen auszudrücken. Dies kann dadurch erklärt wer-den, daß es für schwächlich und unmännlich gehalten wird, wennMänner, sowohl civilisirter als barbarischer Rassen, körperlichenSchmerz durch irgend welche äußerliche Zeichen zu erkennen gehen.Mit dieser Ausnahme weinen Wilde aus sehr unbedeutenden Ursachenreichlich, für welche Thatsache Sir J. Lubbock 8 Beispiele gesammelthat. Ein Häuptling auf Neuseelandweinte wie ein Kind, weil dieMatrosen seinen Lieblingsmantel mit Mehl gepudert hatten. Ichsali im Feuerlande einen Eingebornen, welcher vor Kurzem einenBruder verloren hatte; er weinte abwechselnd in hysterischer Heftig-keit und lachte dann wieder über irgend etwas, was ihn amüsirte,herzlich. Auch bei civilisirten Nationen Europas besteht in der Häufig-keit des Weinens ein großer Unterschied. Engländer weinen selten,ausgenommen unter dem Drucke des heftigsten Kummers, währendin einigen Theilen des Continents die Menschen viel leichter undreichlicher Thränen vergießen.

Geisteskranke geben bekanntlich allen ihren Gemüthserregungenmit nur geringer oder gar keiner Zurückhaltung nach; Dr. J. Cbichtok'Beowne hat mir nun mitgetheilt. daß für einfache Melancholie selbst,im männlichen Geschlechte nichts characteristischer ist, als eine Nei-gung, bei der allergeringsten Veranlassung oder auch aus gar keinerUrsache zu weinen. Solche Patienten weinen auch ganz unverhältnis-mäßig beim Eintritt irgend einer wirklichen Ursache des Kummers.Die Länge der Zeit, durch welche manche Patienten weinen, ebensodie Menge von Thränen, welche sie vergießen, ist zuweilen staunen-erregend. Ein melancholisches Mädchen weinte einen ganzen Tag undgestand dem Dr. Bbowxe später, daß es geschehen sei, weil es ihreingefallen sei, daß sie früher einmal ihre Augenbrauen rasirt habe,um deren Wachsthum zu befördern. Viele Patienten in der Anstaltsitzen eine Zeit lang da, sich beständig vorwärts und rückwärts be-wegend,und wenn man sie anredet, hören sie in ihren Bewegungenauf, ziehen ihre Augen zusammen, drücken ihre Mundwinkel herabund brechen in Weinen aus. In einigen dieser Fälle scheint derAngeredete oder freundlich Gegrüßte sich irgend eine eingebildeteund traurige Idee vor die Seele zu führen; aber in anderen Fällenregt ein Anstoß jeder Art, ganz unabhängig von irgend einer kummer-vollen Idee, das Weinen an. Auch Patienten, welche an acuter Manieleiden, haben Paroxysmen von heftigem Weinen mitten in ihren unzu-

8 The Origin of Civilization. 1870, p. 355.