70
Buch VII. Viertes Hauptstück.
Unter diesen Umständen übernahm die dreiundzwanzig-jährige älteste Tochter Karls VI., Maria Theresia, die Regie-rung, eine Frau ihrer so äufscrst schwierigen Lage gewachsen, wieje eine Fürstin. Ihre ausserordentliche Schönheit gewann, dieAnmuth und Würde ihres Benehmens fesselte, ihr hochherzigerMuth entflammte, ihre Festigkeit unterwarf die Herzen; dieangeborene Treuherzigkeit ihrer Unterthanen, Mitleid und Be-wunderung weckten zur begeisterten Hingebung.
Sie traf sogleich alle nöthigen Anstalten, die entstandenenUnruhen zu beschwichtigen, und statt der noch vom Kaiserbefohlenen Verminderung der Truppen diese noch zu ver-mehren und auf den Kriegsfuß zu setzen ^), sowie Ersparun-gen in der höchst verschwenderischen Hofhaltung cinzuführen").Ueberall wurde ihr willig gehuldigt. Der Eifer der Ungarnhob ihren Muth. Fast alle Mächte, zuerst Preussen, erkann-ten sie als Königin von Ungarn und Böhmen an und gabengünstige Zusicherungen, vorzüglich England, die General-staaten und Rußland. Frankreich indessen zögerte, und derKurfürst von Baiern protestirte, sein Bruder, der Kurfürstvon Köln, und der Kurfürst von der Pfalz erkannten sie nurals Erzherzogin an. Der Kurfürst von Baiern gründete seinErbrecht auf einen mit seinen Vorfahren im I. 1546 ge-schlossenen Vertrag Kaiser Ferdinands I., und dann auf dessenTestament, vermöge dessen nach dem Abgänge seiner männ-lichen Nachkommen die seiner ältesten Tochter Anna, vonwelcher der Kurfürst abstammte, im Besitze der österreichischenErblande folgen sollten.
Maria Theresia versammelte die Gesandten der aus-wärtigen Mächte und bewies aus dem diesen vorgelegtenOriginale des Testaments Ferdinands I., daß die Nachkom-
1) Ohlenschlager 1. 36.
2) Geschichte der Maria Theresia I. 225. Sie schrieb 1741 eineVermögenssteuer aus, zu der die Prälaten 6—24,000 Fl. beitragenmussten und die eine Million eintrug. Maria Theresia 1. 338. Dochweihete sie, einem Gelübde gemäß, IS. Juni 1741, dem Mariabilde inZnsbruck das Bild ihres Prinzen Joseph von dessen Größe, als er dreiTage alt war, aus purem Golde, 6 Pfd. 18 Lth. 3 Qu. schwer(2500 Lhaler werth). Maria Theresia I. 302. Anm.