Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
462
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462 Umsturz d. konvent. Dichtung durch Verjüng, d. Naturpoesie.

Erfahrung und zum Abschluß fertig, zur Bewältigung geschickt, ehe er zuWerke schritt. Ihm war vorherrschend die Gabe der Einbildungskrafteigen, die allein den Dichter macht, und au der die Anderen alle nur einbescheidenes Theil hatten: eine Gabe, die treibend und hemmend auf dieEmpfindungen wirkt, bald geschäftig, herrschende Gefühle unendlich znsteigern, eine wirkliche Qual mit Vorspiegelungen zu mehren, bald aberauch den Nebergang von Empfindung zu Reflexion an die Hand gebend,indem sie lehrt, im llebermaße der inneren Bewegungen unS aus unsselbst zn setzen, uns zu vergleichen und zu beruhigen. Dieser Gabe istdie Kraft, uns selbst zu theilcn, wesentlich eigen; sie lehrt uns mitten inder Leidenschaft uns zu fassen, die sie selbst erst in uns mehr entzündethat; sie treibt uns zu Extremen und lehrt uns von ihnen zurückzukch-ren; sie scheidet unS, wo uns innere Kämpfe gerade ganz und völlig aufEinen Punkt zu reißen scheinen, von uns selbst; sie trennt uns von denObjekten, zu denen sie uns hinzog. Sie liegt auf der gefährlichen Scheidevon Gefühl und Reflexion, von Instinkt und Bewußtsein, und auf dieserwar es daher den Alten so leicht zu weilen, bei denen innerhalbeines großen Volkslebens, das ganz Allgemeingefühl war, der Einzelnesich zu freiem Bewußtsein ausbildete, während es uns unendlich schwerwird auf jener Messerschärfe zu schaukeln, da wir unter lauter willkürlichbewegten Individuen kaum einzeln einmal zur reinen Natur und einemgesunden Lebenstakte zurück gelangen. Daher hat auch für uns dieseKraft, wo wir sie so thätig sehen wie in Göthe, etwas Dämonisches undFurchtbares, weil wir überall in ihr die Ueberlegenheit des Bewußtseinsvoraussetzen und voransehen, überall also das kältere und freie Beherr-schen der Dinge fürchten, dessen vortheilhaften Einfluß auf die Kunst-werke des Dichters wir nicht verstehen, dessen unheimliche Anwendungauf die Handlungen und Ansichten des Menschen uns dagegen auchschon in der Vorstellung abschreckt. Denn diese Gabe wirkt in Kunst undLeben, und ist dem Dichter und Weltmann eigen; Dichter und Welt-mann liegen sich auch in der Natur der Dinge keineswegs so gegenüber,wie die damalige Jugend, Klinger und Göthe, sie liegen sahen: undwer sich über die Vereinigung des Diplomaten und des Poeten in Göthewundert, dem wollen wir anzudeuten suchen, wie beide Eigenschaftenaus jene Eine Anlage zurückweiseu. Wenn wir Göthe's Leben durchlau-fen, so haben wir zahllose Situationen, die uns, je nachdem wir siebetrachten, eben so lebhaft die entschiedene Künstlerbestimmung in ihmdarlegen, als sie uns die überlegenen und gefährlichen Eigenschaften desmoralischen Menschen aufhüllen. Wir sehen ihn jeden Gegenstand, jede