Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
290
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2N0 Wiedcrgcb. d. Dicht, mit. d. Einflüssen d. Moral, u. d. Kritik.

in Bezug auf Moral und Denkart. Wenn sich zwischen letzteren Beidendas Feindliche auch in den äußeren Verhältnissen zeigte, so war dieszwischen Jean Paul und Wieland nicht der Fall; diese Gegenfüßler inder Literatur standen freundlich im Leben, wie Lessing und Herder, wieGöthe und Schiller. Ehe wir aber auf diese Verhältnisse eingehen unddie Wirkungen und Gegenwirkungen andeüten, die Wieland's Schrift-stellerei in Deutschland hervorrief, ist es Zeit, daß wir einen Mann nach-holen, der sich in unseren bisherigen Schilderungen schon oft genug undmeist an sehr wichtigen Stellen bemerklich gemacht hat.

8. Lessing.

Klopstock und Wieland hatten der deutschen Bildung und Aufklä-rung neue Ziele gezeigt; sie hatten mit einer neuen Art zu leben und zuschreiben den Gesichtskreis der Nation unendlich erweitert, und dieKräfte im Vaterland gestachelt, sich über die hergebrachte gesellige Unter-ordnung im Kreise der europäischen Nationen emporzuschwingcn. Einausgesprochener Ehrgeiz hatte jenen getrieben, uns den Engländerngleichzustellen, ein unbewußter Trieb leitete diesen, uns auf den Stand-punkt der Franzosen zu versetzen. Sie hatten sich an das Ausländischeangeschlossen und unsre junge Literatur an fremder Ammen Brust ge-nährt; ein Dritter kam, der sie an den mütterlichen Busen legte. Jenehatten uns in die Regionen der Seraphim, in die fernen Lande derWunder geführt, Lessing führte uns zur Heimath zurück. Wir hörten beiKlopstock den Tonfall der lateinischen Ode, den Rhythmus des griechischenHerameters, die Wucht der nordischen Bardensprache; wir wandelten inden Schauern der Hölle, in den Wonnen des Himmels, indem Grausender Schlacht unserer Väter. Bei Wieland kam zu dem Gewaltigen dasAngenehme und Weiche; er bannte diese Wildheit in Natur und Men-schen, die Götter sanfter Geselligkeit ließen sich nieder, und führten unsin eine Welt sinnlicher Gebilde und phantastischer Abenteuer, iu derebeneu Sprache französischer Geschmeidigkeit und Eleganz. Lessing schriebdeutsch; er nahm seine Rede aus dem Stock unserer eigenen Literaturund ging ans die Natnrsprache des Volks zurück; er schrieb wie mansprach, und gab seinem Stile durch die dialogische Redeweise, durch dieer ihn zu verderben meinte, eine Eigenthümlichkeit, die kein deutscherSchriftsteller weiter gehabt hat. Nahm er aus anderen Zeiten und Bil-dungen etwas zu seiner deutschen Erziehung dazu, so griff er nicht wie