Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
461
Einzelbild herunterladen
 

Periode der Originalgcnics. Der Rhein. (Gvthc's Jugend.) 461

denen er die inneren Kämpfe schildert, die ihn in der gährenden Zeitunserer literarischen Revolution bewegten. Nicht Göthe allein, auch dieganze Zeit war gesättigt an jenen analceontischen Liedern, jenen Fabeln,jenen Bardengesängen, jenen Idyllen, an allen den Gattungen, die unsin gemachten Situationen, in leblosen Gefühlen, in fremden ZuständenUmtrieben; es war die Zeit gekommen, wo Klopstock's poetisches Evan-gelium durchgreifen sollte: daß uns selbst das bewegen müsse, wovonwir singen wollten. Göthe war in seiner Jugend ganz dieses Glauben's,nicht die Lektüre und die Alten sollten uns zum Dichter, nicht die Ima-gination bei kaltem Herzen zur Nachahmung treiben, sondern die Naturund die volle Brust uns zum Gesänge treiben, wie den Vogel in derLuft. In diesem Sinne ist jene Stelle im Götz geschrieben: das macheden Dichter, von einem Gegenstände ganz erfüllt zu sein. Sollte ihnetwas zur Dichtung reizen, so bedurfte er eine wahre Unterlage, unmit-telbare Anschauung und Erfahrung, einen Gegenstand, der die Sphäreseines Lebens und Empfindens berührte. In diesem Sinne schrieb erzuerst seine Gedichtchen, deren aus der frühesten Zeit eine kleine Zahlunter dem Namen bloS des Komponisten Breitkopf (Neue Lieder, 1768)übrig geblieben sind; und mit ihnenbegann die Richtung, von derGöthe nie abweichen konnte, das, was ihn freute oder quälte oder be-schäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln, und darüber mit sichabzuschließen." Diese unbedeutend klingenden Worte scheinen uns zusagen, was Göthe'n zu dem wahren Dichter machte, den wir vorher ver-gebens in Deutschland erwarteten und suchten. Es ist wohl wahr, daßjeder andere Dichter auch zunächst nach Stoffen greifen wird, die ihnbewegen und beschäftigen; nicht jeder andere wird aber jedesmal so tiefin und so hoch über dem stehen, was ihn bewegt, und was er besingt,als es diese Stelle zu sagen scheint. Nicht jeder wird seine innere Be-wegung immer, wie Göthe wiederholt sagt, als eine Qual empfinden,und so die Bürgschaft mitbringen, daß der Gegenstand seines Interessesdie menschliche Natur mächtig zu ergreifen wirklich fähig ist, daß erjenen inneren Gehalt habe, den Göthe ganz vortrefflich den Anfang unddas Ende der Kunst nannte. Auch Wieland, auch die Freundschafts-dichtcr und Epistolographen dichteten, was sie lebten, aber sie spieltenmit ihrer Empfindung, geschweige, daß die Empfindung sie quälte.Wenn diese, oberflächlich bewegt, ihrer Gefühle allzu sehr Herr waren,so war Klopstvck auf der Gegenseite allzu sehr von ihnen beherrscht, zutief von ihnen erschüttert. Dieser stand mitten in der Empfindung gefan-gen, von der er dichtete, aber Göthe war am Rande der durchlebten