X.
Wiedergeburt der Dichtung unter den Einflüssen der reli-giösen und weltlichen Moral, und der Kritik.
1. Ueb erblick').
Wir sind bei dem Zeiträume angelangt, zn dem unsere Erzählungvon allem Anfang an als zu ihrem Haupt- und Zielpunkte hingedrängt.Es ist die Zeit, wo unsere Dichtung jene Grade der Ausbildung erhielt,die ihr bei dem Auslande Stimme und Geltung verschafften, die siebefähigten, mit den Literaturen der übrigen europäischen Nationen zuwetteifern und Einflüsse ans die Gestaltung der nordischen, der englischen,französischen und italienischen Dichtungen zu üben, wie sie ehemals dieseauf die deutsche ihrerseits geübt hatten. Was ihr diesen Werth zu gebenhalf und diese Wirkungen wesentlich erleichterte, war allerdings, daß siedie Zeitumstände begünstigten, indem sie ihre Blüte entfaltete, als dieder übrigen europäischen Literaturen vorüber war. War dies ein Vor-theil, so war es doch keiner, den wir vor Anderen voransgehabt hätten.Denn auch die anderen Literaturepochen der gebildeten Völker Europa'shatten zu ihrer Zeit keine gleichzeitigen Widerstände zu bekämpfen; nurdie Höhepunkte der englischen und spanischen Poesie berührten sich derZeit nach, sie haben sich aber grade dem Wesen und den Einflüssen nachso gut wie gar nicht berührt. Diese sueeessive Folge der italienischen,spanischen, englischen, französischen und deutschen Literatur schreibt sichdaher, daß die Entwickelung des europäischen Völkerkörpers nur Einegemeinsame ist, in der jene Glanzperioden der jeweiligen Nationen,welche ihre Geschichte und Bildung vertreten und darstellen, in einer
I) Ich bemerke gleich hier, daß ich die verwandten Werke von Hillebrand u. A.über die neuere Literatur weder benutze noch anführe; sie stehen als selbständige Arbeitenfür sich und müssen als Ganze mit dem Ganzen meiner Behandlung verglichen werden.
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