Periode der OriginalgcnicS. — Der Rhein. (Göthc's Jugend.) 463
Beschäftigung, Wissenschaft und Lebensverhältnisse mit derselben poeti-schen Kraft bewältigen, mit der er seine innersten Regungen bändigt.Schon jenes Altaropfer des Knaben schien es zu verkündigen, daß er-seine Religion bald in den Dienst seiner dichterischen Kräfte bringenwurde; er hielt die Philosophie, gegen die er sich all sein Leben wehrte,in Religion und Poesie begriffen, und auch seine Religion war ihm wie-der in der Dichtung enthalten. Später nahte er sich den Naturwissen-schaften mit jenem künstlerischen Bestreben, in die Mannichfaltigkeittypische Einheit zu bringen. Ganz frühe entwarf er, um sich in sechs bissieben Sprachen zu üben und die Langweiligkeit der Grammatik zu ver-süßen, einen Roman in Briefen verschiedener Geschwister, die aus ver-schiedenen Gegenden in verschiedenen Sprachen schreiben. Allen äußerenErscheinungen gegenüber lagerte er sich als ruhiger Beobachter: „wennes draußen noch so wunderlich und wild herging unter der Zerstreuungdes Lebens und der Zerstückelung des Lernens, so umgab ihn Frieden."Der Krönungsakt wird ihm sogleich eine geordnete Erzählung für einebestimmte Persönlichkeit: „diese mannichfaltige Welt machte also sogleicheinen sehr einfachen Eindruck auf ihn." Eine Seene auf seiner italieni-schen Reise in Malsesina, die ihm Verhaftung und Unannehmlichkeitdrohte, und jeden Andern gleich anfangs empört hätte, verwandelte sichvor seiner Einbildung in eine komische Scene auf dem Theater undmachte ihm den heitersten Eindruck. Alle Personen seiner Bekanntschaftwurden ihm gegenständlich, um gelegentlich seinen Dramen einvcrleibtzu werden; allen, auch gemeinen Gegenständen die poetische Seite abzu-gewinnen war ihm leicht und natürlich. Oeser's Kupferstiche, eineschöne Gegend, eine leidige Erfahrung, Alles regte das poetische Geniein ihm an, und er fühlte sich, das Gelegenheitsgedicht aus der tiefstenVersunkenheit wieder retten und ihm zu seiner verlorenen Würde helfenzu können. Sobald er in die Wohnung seines gastlichen Schusters inDresden tritt, steht er Bilder von Ostade und Schalken; wie er mitdem Pfarrhaus in Sesenheim bekannt wird, sieht er sich in dem Kreisedes Vikars von Wakesield; eine rohe Studcntcnversammlung, die sei-nem Merck den Humor verdarb, gab ihm Masken zu seinen Fastnachts-spielen; seine einsamen Reflexionen sogar brachte er in dialogischeSelbstgespräche. Wie bei solchen Operationen der Seele Gefühl undEinbildung in einander spielt, steht man leicht, und wie der Charakterdabei leiden kann, ist eben so klar, wie, daß die poetische Anschauungaußerordentlich dabei gefördert werden muß. Unser Dichter lebt einengegebenen Zustand im blinden Zuge nach dem Naturtriebe so aus, daß