324 Wiedergeb. d. Dicht, unt. d. Einflüssen d. Moral, u. d. Kritik.
ganze Lyrik. Er zittert vor dem Blutbade, den dieser letzte Satz, Hand-lungen seien der eigentliche Vorwurf der Poesie, unter den Dichtern allerZeiten anrichten würde! Von TyrtäuS bis Gleim und Klopstock, fürchteter, werde entsetzlich aufgeräumt werden! Und was weiter? So bleibteben die Zahl der ächten und wahren Dichter und Dichtungsarten übrig,unter denen uns wohl ist. So sehen wir Lcssing sich nach zweitausendJahren an Aristoteles' Poetik anreihen, dem nur Epos und Drama dieächten und reinen Gattungen waren, d. h> eben diese, die nur Hand-lungen zum Gegenstand haben. Nur mit dem Unterschiede, daß Aristo-teles dem Drama den Vorzug gibt, Lessing aber, wie wir schon einige-male anführten, seinem noch weiter getriebenen Purismus zufolge demreinen gesprochenen Gedichte, dem Epos; obgleich er wohl fühlte undauch darin Beispiel und Muster ward, daß das Drama allein an derTagesordnung war. An dessen Ausbildung setzte er seine besten Kräfte,und dorthin wollen wir ihn jetzt begleiten.
9. Schauspiel. (Lessing.)
Wir haben das Schauspiel bisher zur Seite liegen lassen, undstellen seine Schicksale in diesem Jahrhundert bis in die 70er Jahre hierin Eine Reihe zusammen, nicht allein um die Entwicklungen einfacher zuüberschauen, auch nicht blos um Lessing'ö Verdienste um dasselbe in eindeutlicheres Licht zu stellen, sondern besonders um bemerkbar zu machen,daß das Drama die einzige Gattung war, in der unsere neuere Poesiezu einem Ziele kommen sollte, für die unsere größten Genien sich bilde-ten, und für die allein die großeTheilnahme der Nation gewonnen ward.Wir haben es mehrfach wiederholt, daß die neuere Zeit, in der die Ver-standesbilvung in den Vorgrund trat, jene lebhafte Phantasie verlor, diesich den Inhalt der ruhigen Erzählung des Rhapsoden und Epikers zuvergegenwärtigen wußte, und daß, um diesen Verlust zu ersetzen, derDichter die dramatischen Mittel ergreift, mit denen er lebendiger auf diestumpferen Organe wirkt: Gegenwart der Darstellung und die lebhaf-tere Schilderung des Dialogs; stärkere Wirkung aus die äußeren Sinne,und zugleich aus ein sympathetisches Interesse des Zuschauers, durch Er-regung seiner Leidenschaften. Daher sahen wir nun durch mehrere Jahr-hunderte die dramatische Form in Anwendung; und wenn es sich nichtso klar und einfach darstellt, daß das Schauspiel die naturgemäße Gat-tung der neueren Zeit, wie das Epos die der älteren ist, so liegt dieß