460 Umsturz d. koiwent. Dichtung durch Verjüng, d. Natnrpoesic.
im höchsten Grade befremden, wenn man ihren verletzenden und theil-weise selbst gemeinen Stoff mit dem vergleicht, was von jeher diejugendliche Dichterbegeisternng zuerst zu wählen pflegt. Und besondersdas Letztere wird unS bedauern lassen, daß ein so erregliches Gemüthschon in solchen Jahren „schauderhafte Erfahrungen in bürgerlichen Fa-milien selbstthätig erlebte" und jeden Augenblick von Bankerotte», Ehe-scheidungen, verführten Töchtern, Mord, Diebstahl und Bergiftunghören mußte. Formell lassen beide Stücke nur von fern ein Strebennach größerer Gefälligkeit durchblicken; noch war kein anderes Musterda als Lcssing's Minna; unv Göthe's Vertrautheit mit Moliöre undder französischen Bühne, die er in Frankfurt gesehen hatte, ließ noch denfranzösischen Anstrich und die Farbe der alten Zeit zurück, der er zu ent-wachsen strebte. Wie wenig aber ein Stoff, wie der der Mitschuldigen,ihn selbst erbaut haben mochte, scheint eben jener Zwiespalt Zusagen,mit dem hier traurige Gegenstände lustig behandelt, oder auch ein bit-terer Ernst in ein Lustspiel getragen wird; und Göthe selbst scheint esanzudeutcn, indem er versichert, daß er ähnliche heitere und günstigereMotive versäumt habe zu behandeln, weil er immer zu seinem eigenenHerzen zurückgekchrt sei. Ec sei nicht ermüdet, „über Flüchtigkeit derNeigungen, Wandelbarkeit deS menschlichen Wesens, sittliche Sinnlich-keit und über all das Hohe und Tiefe nachzudenken, dessen Verknüpfungin unserer Natur als das Räthsel des Menschenlebens betrachtet werdenkönne. Hier suchte er Alles, was ihn quälte, in einem Reime oder inepigrammatisch zugeschnittencn Liedchen los zu werden, die sich auf dieeigensten Gefühle und die besondersten Umstände bezogen und zunächstnur ihn selbst interessircn konnten."
Diesen realistischen Grund hat Göthe's ganze Poesie. Er sagte eSselbst, daß alle seine Dichtungen Bruchstücke eines Lebensbekenntnissesseien, die seine Biographie ergänzen sollte, und es ist kein Wunder, daßman bei uns seine Persönlichkeit bald höher hielt als seine Werke, unddiese blos als einen Kommentar zu jener las; kein Wunder auch, daßfür so viele seiner Produkte das materialistische Interesse verwaltete, weileine natürliche Neugierde den Schleier zu lüften strebte, mit dem dieDichtung die Wirklichkeit verhängte. Der von der Außenwelt unbefrie-digte Mann griff in seinen eigenen Busen zurück, wenn er ein Themaseines Gesanges suchte; selbst wo ihn, wie im Götz und Egmont, einaußerhalb Gelegenes aufforderte, mischte sich das Individuelle undPathologische hinein und überdeckte das Historische und von außen Em-pfangene; den Höhepunkt seiner Leistungen bilden jene Dramen, in