Periode der Origiualgcnies. — Der Rhein. (Göthe's Jugend.) 45!)
Naturfrcude; und dies Gleichgewicht streitender Wirkungen geht durchGöthe's ganzes Leben und Schreiben hindurch. Von der großen Außen-welt unbefriedigt, von der kleinen um ihn her vielfach abgestoßen, bliebdem strebenden Jüngling nichts als Er selbst. Es bot ihm früh dieinnere Welt einen Ersatz für die äußere, die ihm mishagte; seine inne-ren Beschäftigungen entschädigen für viele verlorene äußere Tätigkeiten;dem Historischen seiner Dichtungen gesellte sich stets ein Pathologischeshinzu; und wäre dieser Gegenstoß gegen den Druck der lästigen Außen-welt nicht gewesen, so hätten wir nicht die seelenvollen Dichtungen, dieEngland so wenig hätte hervorbringcn können, wie Deutschland Sha-kespeare's Meisterwerke. Die Verhältnisse, die Göthc'n zuerst entgegen-traten, der Widerstreit, in dem sich seine Seele gegen die Welt befand,spiegelt sich in seinen ersten Werkchen ab, wie in seinem Wesen, dessenAbbild er dort niederlegte. Er gibt selbst an, daß er sich in Leipzig stetsaus einem Ertrem ins andere warf, schwankend zwischen ausgelassenerLustigkeit und melancholischem Unbehagen, durch rousseau'sche Ein-flüsse einer Lebensart hingegeben, die ihm nicht zusagte, stockig undstörrisch, durch krankhaften Widersetzungsgeist und wunderliche Launenbeschwerlich. In welchen Zustand ihn sein leidenschaftliches Lebenbrachte und wie er seine Gesundheit dadurch zerrüttete, geht ans denBriefen hervor, die er nach seinem Abgang aus Leipzig an dortigeFreunde zurückschrieb; in welchen Ruf ihn sein fahriges, nie ruhi-ges Wesen nach außen setzte, merkt man sowohl aus der Erzählung sei-ner ersten Jugendabentener in Frankfurt, als auch daraus, daß inLeipzig der Graf Lindenau dem Hofmeister seines Sohnes den Umgangmit ihm untersagte. Ganz in einen solchen inneren Zustand läßt seinerster dramatischer Versuch gleichsam Hineinblicken: die Laune desVerliebten. Er nahm darin seine Leidenschaft znm Stoffe, ein ge-liebtes Wesen mit Grillen und Eifersüchteleien zu quälen, und er schriebcs sich zur belehrenden Buße, als er damit den lieben Gegenstand ver-scherzt hatte "H. Die Mitschuldigen dagegen öffnen uns die Sit-ten seiner verderbten Stadt; ein Stück, in dem Göthe selbst daö Pein-liche und den Widerspruch der heiteren Einkleidung mit dem düsterenInhalte fühlte. In beiden Stücken wird kein Unbefangener die tieferenBeziehungen finden wollen, die Göthe später hineinlegt; beide werden
1S7) Göthe's Verhältniß zu Anna Katharina Schöntopf, das in diesem Spieleverewigt ist, hat einiges Licht empfangen durch die von Otto Jahn hcransgegebenen:Briefe Göthe's an Leipziger Freunde. Leipzig I8L9.