Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
457
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Periode der Originalgeiücs. Der Rhein. (Göthc's Jugend.) 451

Verworfene das Aechte zeigen können; sie bereiteten nur den Boden, denhernach Herder mit Leichtigkeit baute. Alle Kritik ließ den Jünglingtrostlos, dem es Bedürsniß war, anznschauen mehr als zu grübeln; we-der seine noch Anderer Arbeiten genügten ihm, und zweimal tilgte einschonungsloses Autodasö seine ersten Versuche hinweg. Seine Urtheils-unsicherheit war ihm peinlich; er sah sich ans dem Scheidewege zweierEpochen, wo eine Wahl getroffen werden sollte, zu der er durchaus keineAnleitung hatte; er sollte bekannte Pfade, auf denen er sich lange ge-fallen hatte, mit unbekanntem Erfolge gegen neue und fremde vertau-schen. Er empfand die Kälte und die Oberflächlichkeit des bisher Ge-leisteten, schon als er die Universität (1765) bezog. Neben Geliert zustehen dünkte ihm leer und unzulänglich; von ihm sprach hier und daeine Stimme in zweideutigen Ausdrücken, während ein einziger Ruhmdie Namen Buffon und Linnv umstrahlte. Dennoch lockte ihn immernur die Aussicht auf ein Dichterleben, wie sehr ihn auch Vater, Lehrerund Freunde auf juristische und diplomatische Bahnen zwingen wollten,wie wenig auch das äußere Leben ermuthigend entgegenkam. Der Jüng-ling fühlte bei seinen ersten Versuchen offenbar schon jene Leere unsererLiteratur, zu der der Biograph später vortrefflich die Ursachen angab.Es fehlte unserer Dichtung ein nationaler Gehalt und ein würdigerStoff, und daß auch der siebenjährige Krieg hier nur stellenweise unddürftig abhalf, spürt sich in Göthe's Darstellung so gut durch, wie inder unseren. Die äußeren Gegenstände waren zu unbedeutend, dieKleinheit des deutschen Lebens zu verächtlich, um einen Genius zu rei-zen, der sich fühlte. Aller Geist, der sich regte, Patriotismus, Satire,Dichtung, Alles verkrüppelte, weil es sich nicht an großen Gegenständengroß zog, und wiederholt blickt Göthe im edlen Neide ans Englandhinüber; er wußte es wohl, warum es in Deutschland schwer war einShakespeare und Sterne zu werden. War Göthe schon um die Schule,um den kleinen Weltlauf unter der Jugend, um den lebendigen Unter-richt in der Geschichte gekommen, so erklärt sich's wohl, daß es ihm nichtgelegen war, die großen Gegenstände in der Ferne deS Raumes und derZeiten zu suchen, die sein zu lebendigen Verhältnissen neigender Sinn inder Nähe bedurfte. Denn ihm machte nach seinem eigenen Geständnissenichts Vergnügen, als was ihn anflog, und Alles, wozu Fleiß gehörte,war seine Sache nicht. Es war ihm angeboren, alle Arten des mensch-lichen Daseins mit Theilnahme zu umfasse»; er fand sich leicht in dieZustände der Anderen, es ward ihm Bedürsniß sie zu suchen. Ihn fes-selte anfangs jede Bewegung, die ihn berührte; die vaterländischen,