436 Umsturz d. konvent. Dichtung durch Verjüng, d. Naturpocsie.
daß man ihm in Leipzig den großen König eben so leicht verleiden konnte,wie man ihn von Weiße und Geliert abtrünnig machte. Wie warWinckelmann von seinem Homer, von seinem Cäsar begeistert zu Ent-schlüssen und Handlungen! wie Herder von seiner Bibel und ihrerschwungreichen Poesie, von Ossian und den skandinavischen Dichtern!wie war in Allen der Haß gegen die sranzösische Nation und Kunst aus-gewachsen, ja angeboren! Aber Göthe'n gefiel Virgil besser als Homer,weil sich die Handlung darin abschloß; ihm sprach Ovid vor Allen zu,eine so charakteristische Lektüre für ihn, wie die hebräischen Prophetenfür den jungen Herder, wie PlantuS für Lessing. Seine jugendlichePhantasie führte ihn von den Dichtern nicht zu Spiel und gymnastischerUebung, nicht zu poetischer Nachahmung der Erzählung großer Handlun-gen, in der sich das Interesse gleich theilt zwischen Stoff und Form; ererzählte Mährchen seinen Gespielen, froher im Gefühle seines Ueberge-wichts, als in seiner Schöpfung selbst; er flocht ovidische Reminisecnzcnin ein französisches Stück ein; er las die Bibel mit ungeheuren Kom-mentaren ; er zerstreute sich in alle Sprachen, in Kunst, Dichtung, Re-ligion, Recht, Musik und Natur. Ihm kam von frühester Zeit an ent-gegen, was Herder mehr suchte; eine Mannichfaltigkeit des Wissens,in der jeder Andere würde zu Grunde gegangen sein, über die ihn aberseine entschiedene Künstlernatur hinweghob, die überall das Viele zu eini-gen strebte, und auf nichts mit dem Fleiße weilte, der nach Ergründungmühsam abzielt. Allem, was die Zeiten damals Poetisches gebaren, se-hen wir den jungen Göthe hingegeben, fast ohne Wahl und Neigung.Er hatte, von Moser's Daniel und den Patriarchaden angesteckt, einenJoseph in Prosa verfertigt; er machte anakreontischc Gedichte; er sanggeistliche Oden nach Elias Schlegel; er schrieb Gelegenheitsgedichte;und seinem Vater gefiel dies Poetisircn in Nebenstnnden wohl. Bei-fällig hörte er komische Epopöen, die seine Gesellen Zachariä nachcr-zähltcn; er erzötzte sich an Weiße's Opern; er nannte noch in seinerLebensbeschreibung Günther, den er wohl nie gelesen hatte, einen Poetenim vollen Sinne des Worts; er ging wie Kleist auf die Bilderjagd undmachte beschreibende Gedichte; er hatte noch Geliert herzlich lieb, derLessingen schon 20 Jahre früher langweilte; in Wieland'ö Mnsarionschien ihm das Antike lebendig zu werden. Professor Clodins und dieFrau Böhme in Leipzig waren die Ersten, die ihn in Kleidern, Sittenund Büchern zu wählen und zu unterscheiden lehrten, auch sein wunder-licher Freund Bchrisch irrte ihn in seinem Geschmacke. Aber freilich warendies nicht die Leute, die ihm das Verlorene hätten ersetzen, für das