Periode der Originalgcnies. — Der Rhein. (Gvthe's Jugend.) 435
folglich mit der Zeit, daß er, stets Schritt haltend mit den Entwickelun-gen seiner Jahre und seiner Umgebungen, jeder neuen Richtung sich ganzhingab, und jede frühere darüber schroff ablegte. Wie er sich seiner Zu-stände im Leben entledigte mit seinen Schriften, so seiner Schriften wie-der beim Eintritte neuer Zustände des Lebens. So verwarf und ver-folgte er später nicht nur den Sinn und Geist, der seine Jugend durch-drang, viel bestimmter, ausgesprochener und geständiger, als Herder that,er wandte sich auch von den reinsten Produkten seiner zweiten Periodeab; er vergaß selbst aus einer dritten oder vierten Epoche seinen Divanund wollte sich auf viele seiner Sachen nicht mehr besinnen. Und so kames, daß er sich wohl deö Thatsächlichen aus seiner Jugendbildung beider Ausarbeitung seines Lebens erinnerte, auch die Triebfedern nochkannte und nannte, aber den entsprechenden Ton der Darstellung nichttraf. Leider sind die Originalgnellen für diese Jugendzeit zu spärlich,als daß uns der Rückblick dahin konnte hoffen lassen, die geblaßtenFarben überall gehörig aufzufrischen.
Joh. Wolfgang Göthe (aus Frankfurt, 1749—1832) war, alsihn Herder in Straßburg kennen lernte, noch aufs mannichfaltigste inder alten Zeit befangen, deren ganze Lage ihm zwar ein Gefühl peinli-cher Unbcsriedigung erregt hatte. Seine Jngendgeschichte schien, wie daSKnabenalter Herdec's, ein glänzendes und glückliches Talent anznkün-digen, aber keineswegs den Mann, der die kühnen Neuerungen der Li-teratur am lebhaftesten fördern sollte. In früheren Jahren finden wiran ihm einen Knaben, der sich an der Natur und einsamen Spatziergän-gen sinnig freut, aber eben so wenig wie Herder einen Zug zu seinesGleichen fühlte; sein Vater entfremdete ihn der Schule und erzog ihnim Hause, und daß ihm auf diese Art der epische Jugcndlauf entging,durch den wir uns in der Bewegung gleicher Kräfte am besten selbst er-ziehen, dies wirkte auf den ganzen Gang seines Lebens nach, da er niedas Bestreben der Massen hat achten lernen, in denen wir uns nur be-haglich fühlen, wenn wir von früh auf an ihre Gemeinschaft gewöhntwaren. Geschichte und EpoS hat daher Göthe'n nie in bedeutendemGrade gefesselt, da das Interesse daran nur in einem äußerlichen beweg-ten Jugendleben wurzelt. Wie anregend der siebenjährige Krieg für einekräftige Stimmung des Knabcngeschlechts jener Jahre sein mußte, liegtvon selbst nah: für Göthe aber ergab sich daraus zunächst nichts, alsein Parteistreit unter den Alten, ein Umgang mit einem französischenKönigslieutenant und den Malern, die dieser in seines Vaters Hausbeschäftigte; und seine Wärme für Friedrich war so wenig natürlich,