454 Umsturz d. konvent. Dichtung durch Verjüng, d. Naturpoesie.
nicht individueller Vorzüge nannte. Im Großen macht die naive undfast antike Aufrichtigkeit, mit der er hier sein Innerstes ansbeckt, undliterarisch selbst die Einflüsse entschiedener Gegner oder auch mittelmäßi-ger Menschen angibt und anerkennt, wieder gut, was im Einzelnen seinHang zur Mystifikation und zum Versteckenspielcn so oft verdorben hat.Er hat uns in dieser unbefangenen Anschauung seiner selbst und seinerZeitverhältnisse eine pragmatische Geschichte seiner literarischen Bildunggeliefert, die doch in keiner Weise, wie eö dem Pragmatiker so leichtergeht, ,in eitles Verweilen auf dem Einzelnen verfällt. Und wie manan seinem Wcrther rühmen konnte, daß hier das Widersprechende ge-leistet, die sentimentalste Materie auf die naivste Weise behandelt war,so kann man an der Selbstbiographie preisen, daß sie, was sich am meistendem Pragmatismus entzieht, die Entfaltung eines genialen Geistes,pragmatisch dargelegt habe. Dies ist um so höher anzuschlagen, alsGöthe'S künstlerische Natur sonst den Sinn für alles Historische gernverleugnete, wie er denn auch die chronologische Ordnung in der Aus-gabe seiner Schriften vermieden und ausdrücklich getadelt hat, die ihmdoch, nach der Verfahrungsart in seinem Leben, über Alles hätte gehenmüssen. Allein hier schien er eben, wie es dem Selbsterzähler geziemt,auS sich herauszutreten und sich wie ein fremdes Wesen zu beleuchten,und er lieferte in der geschichtlichen Erklärung der Entstehung seinerJugendwerke wahre Musterstücke, die ganz geeignet waren, uns zu einergründlicheren Behandlung der Literargcschichte anzuregen. Wenn ihnbei diesem Geschäfte eine historische Gabe anzufliegen schien, die er sonstweniger besaß, so schien ihn dagegen eine andere dabei zu verlassen, dieihm vorzüglich eigen war. Er wußte sich sonst so trefflich in andere Zu-stände zu versetzen, aber dies gelang ihm hier nicht wieder; er konnteden Ton nicht treffen, den Anstrich nicht finden, der auf seinem Jugend-leben lag. Er fühlte cs selbst, daß seiner Darstellung das Abbild derFülle und Frische jener Jugend abging, die im Uebermuthe auf ihreKräfte keine Schranken kannte. Es widerspricht gleichsam die Helle derErzählung dem dunklen Ringen jener Zeiten, die ausschließliche Einsichtin dem beobachtenden Subjekte dem bloßen Gefühlsleben in dem Be-obachteten, die scharfe Entwickelung dem Zustande jener Seelen, in denen„das Bild des Unendlichen wühlte," die breite und weiche Redseligkeitbei der Verarbeitung den knappen Quellen und ihrem zerrissenen stür-mischen Ausdruck, den wir in Göthe's Briefen aus den 70er und 80erJahren finden. Als er sein Jugendleben schrieb, war Göihe schon zusehr ein Anderer geworden; er lebte so innig mit der Natur, und