Periode der Originalgenies. — Preußen. (Herder.) 449
die gutgemeinte Umständlichkeit, mit der Michaelis dem gelobten Landebeikommen wollte; gegen dessen Verunzierung der poetischen Neberlie-rnng mit trockenen, rationalen Kommentaren diese „Vereinfältignng undEntkleidung der alten Dichtung;" gegen das Ungeheuer von Bibelüber-setzung und Erklärung diese eifrig polternde Kindersprache, Sätze ohneVerbum und Kopula, Hauptworte ohne Artikel, Elisionen in den Syl-ben, Sprünge in den Gedanken! Ob das Kind, das hier gereinigtwerden sollte, nicht mit dem Bade im Eifer verschüttet ward, ob dasBild des jungen Tages, das Herder in der Schöpfungsgeschichte fand,des großen Lärmens, des lauten Triumphs werth war, mit dem derAusleger dem schaffenden Gott und dem dichtenden Moses gerne seinnachsagte, wie er in dem Auch eine Philosophie jenesstolze anolr' io rief, obgleich er's leugnete, — dies ziemt uns nicht zuörwägen, da uns nur obliegt anzudenten, wie Herder auch in der Wis-senschaft dieselbe VereinfachnngSmethove anwandte, wie in der Poesie,mit demselben scharfen Sinne ausspähte nach den Mitteln der Verjün-gung nnd neuen Belebung, und mit derselben Lebhaftigkeit auf einegeniale Jugend wirkte""), hier wiedort. Bei dieser jugendlich poeti-schen Exegese machen wir übrigens dieselbe Bemerkung wie bei Herder'sästhetischen Ansichten: mit der Poesie mischt sich Grübelei, mit der Ju-gend Alter. Er begnügte sich mit dem anschaulichen Bilde, mit dem eres werde Licht in das Chaos der biblischen Auslegung rief; ergabMetapher, Allegorie, Lehranwendung hinzu, nnd sinnbilderte von sym-bolischen Sechsecken, was es wohl erklärt, daß man über Mystik, Kab-bala, und Gnosticismns schrie. Und glücklich, daß kein Lichtenberg über
105) Göthe schrieb bei Erscheinung des Buchs an Schönborn, es sei ein so my-stisch weitstrahlendes Ganze, baß es nicht auszuziehen. „Er ist in die Tiefe» seiner Em-pfindung hinabgestiegen, hat dabei alle die hohe, heilige Kraft der simplen Natur aufge-wühlt, und führt sie nun im dämmernden, wetterlenchtenden, hier und da morgen-freundlich lächelnden orphischen Gesang, vom Aufgang heraus, über die weite Welt,nachdem er vorher die Lasterbrut der neueren Geister, De- und Atheisten, Philologen,Tertverbesserer, Orientalisten u. s. w. mit Feuer und Schwefel nnd Fluthstürmen auS-getilgt." Dagegen Merck an Nicolai, vollkommen in unserem Sinne: es sei dieß„nach Form nnd Herkommen das abscheulichste Buch, dag je geschrieben worden ist,und doch bleibt es mir allezeit als ein Abdruck seines Geistes lieb und Werth.— DerStolz der Ncberschriften, die bettelhaste Prahlerei der Citate und dann die ganze wet-terwendische Schreibart müssen Jeden revoltiren. DaS Lärmschlagen um eine lumpigeHypothese, deren Grundsatz (nämlich daß Hieroglyphe eher als Buchstabenschrift war)Jeder zugibt, deren Anwendung aber alle Dogmatiker, Bibelübersetzer und Commenta-toren mit Heugabeln und Dreschflegeln Hervorrust, war und bleibt höchst unnöthig."
G-rv. d. Dicht. IV. Bd. 29