Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
443
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Periode der Originalgcnies. Preußen. (Herder.) 443

Zeit seiner ersten Bildung ab, wo die gleichmäßige ungemeine Empfäng-lichkeit in ihm, dem Individuum, wie in der Nation, seine unersättlicheWißbegierde von früh auf hinlänglich erklärt, so lag der erste Anstoß inihm, seine Aussichten über den Kreis der schönen Wissenschaften hinauszu erweitern, auf jener Seereise, die auch auf seine Ansicht von Poesieund Kunst so erregend gewirkt hatte. Er hatte in Riga einige Jahre alsLehrer und Prediger gestanden, das Gemeinwesen dieser Stadt hatte ihnangezogen, er war 1769 nach Nantes und Paris gegangen, um Fran-zösisch zu lernen. Auf der Seereise dahiu brachen die Dämme, die denStrom seiner inneren Tätigkeiten bisher noch zurückgehalten hatten.In dem Tagebuch, das wir schon oben anführten, beklagt er sich, Jahreseines Lebens verloren zu haben. Aus Hamann's Ansichten wünscht ersich, eine leichtere praktischere Schule durchlaufen zu sein; hätte er fran-zösische Sprache, Mathematik, Zeichnung, Umgang, Geschichte, Natur,Talent des lebendigen Vortrags zum Hauptzwecke gemacht, in welcheGesellschaft hätte ihn dies führen können! Schriftsteller wäre er dannnicht geworden, und in wie viele Kühnheiten und Vielbeschäftigungcnhätte er sich dann nicht gestürzt! wie viel falscher Ehrsucht und Liebe zurWissenschaft, betäubten Stunden des Kopfes, und Unsinn im Lesen,Schreiben und Denken wäre er dann entgangen! Er wäre nicht einWörterbuch, ein Tintenfaß von gelehrter Schriftstellerei geworden, erwäre den Situationen entschlüpft, die auf eine falsche intensive Men-schenkenntniß einschränkten, da er Welt, Menschen, Gesellschaft, Frauen,Vergnügen lieber extensiv hätte kennen lernen sollen. Welch ein anderesGebäu einer anderen Seele! Er wäre dann nicht geworden, was erwar, und hätte nichts verloren, viel dabei gewonnen. Er bittet Gott,ihn zu belehren, warum es gut sei, daß es schüchterne und betäubteSeelen gäbe, die nie wissen, was sie thun, nie kommen, wohin sie wol-len, nie sind, wo sie sind, und nur durch Schauer von Lebhaftigkeit ausZustand in Zustand Hinüberrauschen! Er ward unzufrieden mit sich,selbst mit seiner Tugend; ersah sie für Schwäche an, für einen abstraktenNamen, er konnte keine Tugend begreifen, selbst die Besserung der Men-schen fand er nur Schwächung der Charaktere. Er wollte jetzt Alles,was er gelernt hatte, in sich zerstören, Alles nur selbst erfinden, was erdenke und glaube. Nichts als Leben und Glückseligkeit schien ihm jetztTugend, jedes Datum ist Handlung, alles Uebrige ist Schatten, ist Rai-sonnement. Zu viel Keuschheit, die da schwächt, sei ebensowohl Laster,als zu viel Unkeuschheit. So stürmt unser Reisender, in dem sich Faust'sGeist regt, in seinen moralischen Charakter; so hörten wir ihn oben über