442 Umsturz d. kvnvent. Dichtung durch Verjüng, d. Naturpoesie.
jener Zeit war, ganz so ist Alles bei Herder. Nicht zufällig scheint sichHerder mit Opitz, mit Andrea, mit Balde beschäftigt zu haben; daöUebergleiten in das Romantische, das Hervorheben der spanischen unditalienischen Literatur, nachdem die holländische oder englische bekanntgenug war, die Duldung gegen katholische Dichtungselemente, Allessicht sich gleich. Die Vermischung oder Verwechselung des Stils, derpoetische Vortrag in der Prosa, der prosaische im Gedichte entspricht sichnicht weniger; das Hinweisen ans rcinhaltende Sprachgesellschaftenebenso. Bei eigenem Unvermögen zur Dichtung hatte das 17. Jahrh.das entschiedene Verdienst, daß es die Dichtung fremder Nationen unseröffnetc und uns daran schulte. So auch Herder. Bei dem Ungenüge,das sich jene Zeit in poetischer Hinsicht that, lag der Ucbergang von derKunst zur Wissenschaft nahe. Ihn machte auch Herder. Und in derneueren Geschichte hat Herder offenbar kein Vorbild, das ihm so theuerwäre, wie der große Mann jenes Jahrhunderts, sein Leibnitz! Manlese nur, was er über ihn sagt, wo er auch auf ihn zu reden kommt.Die Polyhistorie des 17. Jahrhunderts ist in Leibnitz auf dem Höhe-punkt, und das war Herder's höchstes Ideal, nicht zwar, wie die Ge-lehrten mit eisernen Eingewciden aus jener Zeit, ein zerstreuter Viel-wisser, aber doch, die Geschlossenheit und den Ueberblick der späterenBildung mit dem Wissen jener Aelteren vereinend, ein „Pansophus" zusein, wie cs Leibnitz geworden wäre, wenn er ein Jahrhundert spätergelebt hätte.
Nachdem wir die Seite, mit der Herder dem Gange unserer schönenLiteratur zugekehrt war, herausgehoben haben, bleibt uns die zweiteRichtung auf die Wissenschaften übrig, aus die wir an anderen Orten,von allgemeineren Gesichtspunkten ans, zurückkommcn. Nur die Keimeund Anfänge dieser Richtung wollen wir gleich hier noch aussuchen, da-mit wir von dem Streifzuge in die späteren Lebensjahre Herder's, deruns zur Umschreibung seiner ästhetischen Stellung nöthig war, zurück-kehren in die bewegte Zeit seines ersten Auftretens; damit wir den Tonund den Geist der 70er Jahre festhalten, ehe wir zu anderen Erscheinun-gen dieser stürmischen Periode übergehen; damit wir uns aus dem herr-schenden Geiste dieser Jahre das Ueberspannen des Bogens und ausdiesem die folgende Abspannung erklären; damit wir endlich alles dasumfassen, was in Herder's Jugend seine kühnen Entwürfe ausfüllte,um von da aus die universalen Richtungen zu verstehen, denen er sichspäter immer mehr hingab, und die in dem großen Kreise nm Göthe hernicht minder zu Hanse waren. Sehen wir von Herder's Natur und der