Periode der Originalgenies. — Preußen. (Herder.) 441
haben. Für ein Gedicht, das unsere neuere Ansicht von dem Weltbau insolcher Belebung für den Sinn, in so treffender Auslegung für dasHerz, so planmäßig für den Verstand darstelle, wie ein gewisses Kapitelim Hiob, gäbe er eine Epopöe voll Helden und Waffen hin! Er selbstwar nicht dieser Dichter, den er suchte, er war nur Aaron, aus dessenMund der Prophet sprach, und er hätte sich willig dem neuen Moses inDienst gegeben.
So sehen wir Herder, wenn wir die Summe seiner ästhetischenAnsichten ziehen, dort wieder stehen, wo schon Blockes und schon das17. Jahrh. gestanden hatte, wo man eben solche wissenschaftliche Dich-tungen als das höchste Ziel der Kunst ins Auge nahm. Hundert Punkteder Vergleichung drängen sich auch auf, die in der kurzen revolvirendenGeschichte unserer Literatur im 18. Jahrh. Herder'n die Stelle anwei-sen, die in dem schwerfälligen Verlaufe unserer gesammten Literatur dieDichter des Zeitalters zwischen Opitz und Leibnitz Annahmen. Es wardie Zeit, die sich mit dem Alterthume und der Bibel, mit der nordischenund südlichen Literatur ebenso beschäftigte, wie Er; die an Allem Ge-schmack fand, Alles aufsuchte, Alles übersetzte, was ihr die Fremde dar-bot. Wie die Dichter der schlesischen Zeit ihre Poetiken schrieben, soschrieb Herder seine Fragmente, Füllsteine zu einer Aesthetik, voll vonSprachbemerkungen, von Stolz aus die deutsche Sprache, auf ihrenlebenden Wohllaut, auf ihre metrischen Vollkommenheiten, voll vonjenem Patriotismus, der in allen jenen Schristchen der gekrönten Poetendes l7. Jahrhs. nicht mangelt. Die Schwärmerei für den Natur-gesang eines Homer und einer Sappho, bei der Entfernung unsererSitten und Dichtungen, ähnelt sehr; die Vorliebe für gesungene Poesieund Musik nicht minder; die dichterische Erzeugung blieb aus Neben-stunden beschränkt. Die Kantaten, die Opern, die Gelegenheitsgedichte,die Vertheidigung des Gebrauchs der alten Mythologie, die allegorischenund didaktischen Liebhabereien, die halbe Polemik gegen das Schauspiel,das er doch in den zwei gegensätzlichen Formen des antiken und desvolksmäßigen Drama'ö begünstigt, alles dies könnte uns glaubenmachen, Herder sei nicht ganz den Nachwehen jener Zeit entgangen, dieauf seinem Vaterlande, auf seinen Landsleuten oder gar Lehrern, aufGottsched und Trescho, noch gewaltig lastete. Ganz wie diese Zeit sichzwischen Theologie und Dichtung in einer Klemme befand, ganz wie sieimmer von dem Enthusiasmus des Dichters und Horazens Feile zugleichsprach, ganz wie das Natur- und Volkslied in ihr neben der gelehrtenPoesie der Opitze lag, ganz so wie das Gute zum Schönen der Schrei