Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
440
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440 Umsturz d. kouvent. Dichtung durch Verjüng, d. Naturpoesie.

scheinende öffentliche Meinung" nicht unterdrückt haben wollte! Someinen wir einen Superintendenten des 17. Jahrhunderts zu hören,wenn er gelegentlich auch gegen die Theatermanie, die Theaterunterhal-tung, die Privatbühneu loszieht. Er, der Shakespeare'« so gerne derNation zuführen wollte! Früher hatte er die Poesie der Natur, der Kind-heit, der Einfalt und Rohheit gepriesen, und hatte gefunden, daß mitder Zeit nur die Kunst und Künstelei, nicht die Poesie gewönne, aberjetzt gab er einen Fortgang der Kunst zu; das Ideal des Schönen schiensich ihm mit den Zeiten stets zu heben, es ist ihm glaubhaft, daß derGeist der Poesie durch alle Schwingungen und Abschweifungen in Zeitenund Nationen dahin strebe, immer mehr und mehr jede Grobheit desGefühls und jeden falschen Schmuck abzuwerfen, und den Mittelpunktaller menschlichen Bemühungen zu suchen, nämlich die ächte ganzemoralische Natur desMenschen, Philosophie desLebens.So kehrte er hier zu Jugendideen zurück, die verborgen schon in denFragmenten, fremdartig unter dem übrigen Inhalt dieser stürmischenSchrift lagen, und es entwickelt sich an diesem Merkmal mehr wie anjedem anderen die Doppelseitigkeit dieses merkwürdigen Mannes, unddie Natürlichkeit des Uebergangs von der Vorliebe zu der höchsten Na-turpöesie, zu einer Dichtung, die die Frucht einer höchsten Reife desmenschlichen Geistes sein sollte. Hier berühren sich die Neigungen, diesich zwischen Dichtung und Wissenschaft, zwischen Kunst und Philo-sophie, Geschichte und Natur theilten, und dennoch um alle diese Gebieteein gemeinsames Band zu schlingen suchten; hier schien ihm die Aufgabezu liegen, wo der Eingeweihte in allen Tiefen der neuen Kultur und desneuen Wissens zurückkehren könnte zu der poetischen Prophetie der ur-ältesten Dichter, wo sich Alter und Jugend die Hand reichen sollte. Inden Fragmenten schon hatte Herder der didaktischen Poesie ihre Stelleangewiesen, wie Lesstng. Nur Ein Gebiet in der Psychologie behielt erihr vor, in den philosophischen Muthmaßungen und Erfahrungen überdie menschliche Seele, die aller Stärke der Dichtkunst fähig und allerhöheren Reize werth seien. In dem Buch über den Geist der hebräischenPoesie aber ward ihm das Ideal eines lehrhaften Gedichts deutlicher,das er ahnungsvoll suchte. Er wünschte dort, daß sich Newton's undBuffon's und Copernicus' Spstem zu Poesien gestalte; die höchsten Re-sultate der reinsten Verstandeöwissenschaften zuNaturdichtnngcn"! Aufder Höhe der Naturkunde denkt er sich einen Dichter unmöglich, wünschter, daß ein Dichter geboren werde, der ein Analogon schaffe zu jenenbiblischen Bildern, die sich aus einfachen Ansichten der Natur gebildet