Periode der Origiualgcnics. — Preußen. (Herder.) 439
alleinseligmachende kantische Philosophie und der neue Kunstgeschmackdie schönen Formen vom Sittlichen und Nützlichen trennte; seine Losungward jetzt das Schöne, Gute und Wahre unzerstrcut und unzertrennlich.Die Guten aller Zeiten, lehrt die Kalligone, strebten durch den Reiz deSSchönen das Sittliche zu fördern; wir aber wollen, was die Natur inuns zuerst verschmolzen hat, trennen, „und lobjanchzen auf dem ge-fundenen kahlen Fleck, auf dem das Schöne weder wahr noch gut seinmüsse, als über eine höchste Entdeckung, als über das gefundene Rein-göttliche, d. i. höchst Nutzlose, durchaus Formelle, mithin höchst Leere."Dies schien ihm jetzt Entweihung des Edelsten der Menschheit, derKünste, Talente, Gefühle und der Vernunft. Derselbe Mann, derfrüher so bitter gegen die Franzosen sprach, erscheint in der Adrastea alsihr Verthcidiger. Er redet dort der Akademie das Wort, er findet eSheilsam, daß ein solches Parlement über die Reinheit der Sprache undihre Fortbildung wache, da er doch früherin diese Fortbildung ganz vor-züglich mit den kühnen Versuchen der Jdiotisten bezwecken wollte. Errühmte jetzt, ebenso wie Göthe später die Anständigkeit des Voltairesehr wichtig thucnd anpries, die Bestimmtheit dieser Sprache, als einenothwendige Frucht ihrer verständigen Kultur, da doch vorher eben jeneEigenschaft der Freiheit seiner Einbildungskraft unerträglich schien, unddie verständige Kultur gegen einfältige Natur gar nicht in Anschlag beiihm kam. Er fand nun auch selbst die französischen Dramen cmpfeh-lungswcrth, und verzieh ihnen ihren deklamatorischen Vers, ihren pro-saischen Accent, ihre Kanzleisprache der Empfindung, weil sie trefflicheSittengemälde darstelltcn ! Er wollte, daß man auch hier sich in denGeist dieser Nation versetzen müsse, daß man nicht von der Tulpe ver-lange, sie solle Rose sein, da er doch vielleicht früher auf diese Vorschriftin seiner raschen Art erwidert haben würde, man werde aber doch derTulpe den Rücken wenden, und wenn sie der Rose das Licht versperrenwolle, sie vor den hohlen Kopf schlagen dürfen? Der theologische Eifersteht dem freiocnkenden Manne in keiner Weise gut, mit dem er sich jetztgegen die Lehrfreiheit aus Schulen, für eine Ueberwachung der Lektüre,für Staatsverbote gegen alle Religionspolcmik erklärte. Er wollte eineheimliche und unmerkliche Sichtung der Leihbibliotheken durch ein Ver-ständnis mit honetten Buchhändlern herbciführen, gegen Einfuhr schlech-ter Schriften! An chinesischen Schriften habe sich noch Niemand geär-gert, jedes schlechte Buch sei also chinesisch für uns! Ein so chinesischesMittel kann er Vorschlägen! ein so chimärisches Bündnis mit dem Kauf-mann gegen seinen Beutel! Er, der früher die „tollste und schädlichst