438 Umsturz d. konvent. Dichtung durch Verjüng, d. Naturpocsie.
und Stellungen an, die seinen früheren zum Theil scharf widersprachen.Herder war der Sohn einer Revolutionszeit, deren Schreckensperiode ernicht veranlassen wollte, aber wesentlich mit veranlaßt hat. Er, wieGöthe, erschraken im Verlaufe der neuen Bewegungen über die unge-ahnten Wirkungen ihrer Jugendbegeisterung, und entsetzten sich, daßdieser Anfall in dem Nationalleben eine längere Dauer hatte, als inihrem persönlichen. Sie schritten rascher vor und legten Zustände in sichab, die um sie her noch lange hafteten; sie widersetztcn sich hernachdiesen um so heftiger, und daher erklärt man sich wohl die außerordent-lichen Widersprüche, in denen Herder später als sein eigener Gegensatzerscheint. Wer die Kalligone (1800) und seine polemischen Schriftengegen Kant durchläuft und mit dem Inhalte der Fragmente, der Wäl-der, der deutschen Art und Kunst vergleicht, der würde glauben, dieseFeindseligkeiten seien gegen seine eigene Jugend gerichtet, und dies istbesonders in allen Punkten der Fall, die die Verhältnisse der Dichtungbetreffen. Ja hier liegen selbst viel früher schon jene zweiseitigen Urtheilebereits nebeneinander, auf die wir oben schon vorbereiteten. In einemAufsatze von 1778 über Erkennen und Empfinden spottet Er, der so ganzden Genialitäten jener Zeiten angehörte und die Lenz und Achnliche be-wunderten, schon „jener übertriebenen Witzlinge ohne gesunden Verstandund Herzenstreue, jener fliegenden Sonnenrosse, die die Erde verbren-nen, jener Spekulanten ohne Anschauung und Handlung, jener Leiden-schaftshelden, die der Verrückung nahe sind, jener Schwätzer in Mode-formeln", die alle für Genies galten. In Schulreden lachte er über dieGenieseuche, über die Quäkersekte in den Wissenschaften, die den Geistüber sich walten lasse und von der Salbe Lehre und Weisheit erwarte.In der Kalligone war sein Abscheu gegen die regellosen Genies so weitgediehen, daß er seit Lessing die Kritik des Schönen verschwundenerklärte; statt ihrer habe sich mit dem kritischen Idealismus die Akritikans den Thron gesetzt. Die blinde Abgötterei mit einigen Kunstwerkenschien ihm die Schlaffheit des begrifflosen Ungcschmacks so wenig zuverbergen, als der in Gang gekommenen Urtheilslostgkeit abhelfen zukönnen. Ec verhöhnt jetzt, der früher selbst der klassische» und übertra-genden Dichter spottete, die bewußtlose Schöpfung und Schöpferkraft:schwatzt, sagt er, so viel ihr wollt von der absoluten Bewußtlosigkeit desGenies, die mit dem Bewußtsein unerklärlich kämpfe — bedauernd gehtder Verständige an diesem Taranteltanzc vorüber! Er, den wir so aus-drücklich wider Klopstock über die Vermischung des Schönen und GutenKlage führen hörten, er empörte sich schon in den 80er Jahren, als die