Periode der Originalgenies. — Preußen. (Herder.) 437
Dinge. Dem Inhalte nach ist die Mehrzahl aller seiner poetischen Er-zeugnisse lehrhaft und philosophisch, ja metaphysisch; der einkleidendenForm nach häufig allegorisch. Eine Reihe Legenden hat Herdererneut und, wie er sagt, dem lehrenden Idyll nahe zu bringen gesucht;allein er konnte diese andächtige Poesie, für die er mehr ästhetische Ehr-furcht hat, als wir thcilen würden, nicht durch seine Feder gehen lassen,ohne sie mit seiner mißlaunigen Stimmung anzustecken, und sie zu sati-rischen Ausfällen zu misbrauchen. Er erzählt sie wie Fabeln, mit didak-tischen Prologen und Epilogen, in denen nicht selten kritische Seiten-blicke und bittere Satiren die allenfalls mögliche Wirkung dieser einfachenStoffe aufheben. Wie er also diese Legenden entstellt und ihrer reinenGattung entnimmt, wie er das geistliche Lied verändert, die Fabel zumEpigramm spitzt, das Epigramm zur Gnome stumpft, die Gnome zumsibyllinischen Spruche verdunkelt, so brauchte er in den Paramy thi en(ein sehr bezeichnender Ausdruck!) griechische Mythen zu Parabeln undparabolischen Anwendungen, jene Dichtungen, die so ganz nur EinKörper für Eine Seele sind. In seinen dramatischen Dichtungenhaben wir eine ähnliche Mischung von Oper und Schauspiel; wo sienicht musikalische Texte sind, sollen sie ein Versuch sein, das griechischeDrama auf deutschen Boden zu verpflanzen, und stehen so in einer Liniemit den ähnlichen Versuchen Schlegel's und Schiller'S. Schade, daßman dem allen die bittere Opposition gegen die Gemeinheit der Bühneansieht, aus der schon Kotzebue herrschte. Lessing's Versuche waren nichtminder aus Oppositionsgeist entstanden, allein sie verriethen das nicht,weil der Verfasser in ruhiger Ueberlegenheit schrieb; auch Er war nichtDichter, allein er hatte einen Rückhalt in seiner Kenntniß des Menschen,und eine Rechtfertigung in seiner Bescheidenheit; Herder's Dramen aber(Admetus' Haus n. A.) sind dagegen von allem Gehalte entblößt, unddabei nicht ohne Anspruch. Persönlich dagegen gestand Herder Schil-ler'» in ehrender Bescheidenheit, daß er in diesem Fach des Geistes ganzfremd sei.
Der ausfallende Gegensatz zwischen Herder's eigenen Poesien undseinen Uebertragungen, zwischen der Spannkraft jener Natnrdichtung,die er empfahl, und für die er begeistert in der Nation strebte, und demschweren, dumpfen Drucke dieser gekünstelten Gedichte, die er selbst ver-fertigte, erklärt sich nicht allein durch den Mangel an schöpferischer Kraft,der bei den meisten Dichtern der genialen Periode gefunden wird, son-dern auch die veränderten Gesinnungen in Herder selbst. Die meistenseiner Dichtungen gehören der späteren, zweiten Periode seiner Ansichten