Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
436
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436 Umsturz d. konvcnt. Dichtung durch Verjüng. d. Naturpocsic.

demSeinigen dazuzugeben, die scharfen Kanten der oft dürren spanischenRomanze mit deutschem Gemüthe abznschleifen und der Empfindung mehrBahn zu machen. Weiter hätte sich Herder auch nicht wagen dürfen;selbst Dichter war er nicht. Auch hat er im Grunde nur weniges Dich-terische selbst bekannt gemacht und schien es zu fühlen, daß dies nichtseine Stärke war, wiewohl er zu Zeiten doch in seinen Oden mit Klop-stock siegreich zu wetteifern meinte, und die Mischung von Philosophieund Empfindung in seinen Gedichten für etwas mehr hielt, als denbloßenDämmerungton der Empfindung", den Klopstock in der Seeleznrücklasse. Seine Gegner warfen ihm vor, daß er in der Prosa Poet,in der Poesie prosaisch war, und er selbst hat in den zerstreuten Blätterngeäußert, daß sich nach seiner Meinung die Prosa viel mehr Schmuck desWort- und Periodenbaues erlauben dürfe, als die Poesie, die ihrerseitsSchmuck in hoher Einfalt und tief eingreifender Bildung der Gedankensuchen müsse. Diesem Satze entspricht mehr seine Prosa als seine Poesie.In dieser ist eine formelle Einfalt wohl insoweit, daß sie meist hart, un-gelenk und schwerfällig erscheint; allein sic ward dadurch dunkel undunverständlich, und treibt sich in jenerDämmerung" herum, in der sichHerder immer so glücklich fühlte. Sieht man sich in seinen Gedichtenum, so findet man, daß keine feste Gattung ihm in der Ausführunggelingt, so wenig als ihm ihre ästhetischen Definitionen geglückt waren.Das Kirchenlied ist bei ihm bald minnesängerisch, bald dithyrambischund psalmodisch, bald liederhaft, aber nie schlecht und recht, vielfachgesucht in Gedanken und einzelnen Worten. Seine Fabeln^) inneuen Anwendungen erzählen nicht plan, sie springen in unfertigenSätzen, winken blos, geben eine epigrammatische Moral, oft nur, wasseine Lieblingsfigur ist, einen Ausruf, einen Gedankenstrich! SeineGnomen sind gegen Göthe's lebensvolle Weisheit dämmerig, ohnepsychologischen Werth, ohne nahes Verhältniß zu den Bedingungen,unter denen gerade das heutige Geschlecht in die Welt gesetzt ist. Inden lyrischen Gedichten ist nicht Heiterkeit, nichts von den ewigenGegenständen der Lyrik; die lydische Flöte verdammt er; seine Gesängesind melancholisch gefärbt, oft ans einer trüben Ansicht der menschlichen

194) Eins Reihe bisher noch ungedruckter Fabeln von Herder sind mitgetheilt indenBriefen ans dem Freundeskreise von Göthe, Herder, Hopfner und Merck" vonK. Wagner, ;>. 27. Der Geniedrang ist hier an die planste und schlichteste aller Dich-tnngsarten gerathen und die Wirkung ist wahrhaft komisch. In den Nutzanwendungender Fabeln selbst ist einmal die Lehre niedergelegt, daß alle Wunderwerke imGottcs-wurfe" werden; hier sind sehr wunderliche Werke daraus geworden.