434 Umsturz d. koiwmt. Dichtung durch Verjüng, d. Naturpoefic.
er den Geist der Zeiten und Völker ergreift, das Verschiedenartigste ver-steht und genießt und wiedergibt: in unserem Volke, das diese Gabeüberhaupt in ausgezeichnetem Grade besitzt, hat sic Keiner so ausgezeich-net besessen wie Er. Bedenkt man, was diese Eigenschaft in sich begreift,so weist nur sie allein Herder'n eine hervorragende Stelle in unsererKulturgeschichte an, so vielfache Nachtheile sich auch an sie anschließcn.ES ist wahr, das Umsichgreifen dieser Genußsucht, diese Selbstverleug-nung, diese Wandlungsgabe hängt mit dem Mangel an Selbstgefühl,an Volkssinn, an originaler Schöpfungskrast, mit jener Unersättlichkeitan allem Fremden zusammen, die ein uralter Charakterzug unserer Na-tion ist. Die romantische Schule hat damit der Pflanze unserer Dich-tung das Herz ansgebrochen und sie frühzeitig des lebendigen eigenenTriebes beraubt. Auf diesem Wege haben wir unserer Nachahmnngs-sucht den Zügel schießen lassen, und von einer Denk- und Schreibart,die einen gleichen, nationalen Typus hält, dürfen wir eigentlich nichtreden. Allein einmal wird es zu allen Zeiten eine Streitfrage bleiben,ob nicht diese Hingebung au alles Menschliche in sich einen größerenWerth hat, als alle nationale Abgeschlossenheit, jene Lockerung des Kos-mopolitismus eine schönere Geltung, als alle volksmäßige Festigkeitund Starrheit. Und dann lag es durchaus nicht allein in unserer Na-tion, sondern es lag in der Zeit des vorigen und jetzigen Jahrhunderts,wie es in den Zeiten der Kreuzzüge lag, daß alles Nationale verwischtward; und nur das ist ein Merkmal unseres Charakters, daß die Blüteunserer Literatur beidemal in diesen Zeiten sich aufschloß, als die Sonneder Humanität heiter am Himmel stand. Wer möchte in der englischenund französischen, selbst in der italienischen Literatur der neuesten Zeitdie altuatioualen Eigenthümlichkeiten wieder suchen? Die Eröffnungder Kultur aller Zeiten im erweiterten Unterricht und Bildungskceisebedingte diese Eigenheit der heutigen Literatur, daß sie nicht in demGrade selbständig und unabhängig werden konnte, wie zu andern Zeitenanderen möglich war. Das Schöne und Große aller Jahrhunderte laguns offen; wer wollte, wer konnte eS verleugnen? Vor diesen gehäuftenSchätzen schwand das Selbstvertrauen und die Schöpsungslust der Men-schen, dies läßt sich bei unseren Romantikern vortrefflich beobachten. Soahmten die Römer den Griechen, so das ganze Mittelalter den Römernnach, so die Deutschen der ganzen Welt. Mußte also Nachahmung derCharakter unserer Literatur werden, das hat Herder selbst gesagt, so seies Ehre, wenn wir uns nur besonnen das Beste zu eigen machten; undich glaube, das Zeugniß darf man uns aus bester Ueberzeugung geben,