Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
427
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Periode der Originalgenies. — Preußen. (Herder.) 427

verloren hatte, um das weite, Helle Licht der uneingekerkerten Natur inandern Jahrhunderten nicht erkennen zu wollen. Aus den größten Hel-denthaten, fand er, machten wir Schulübungen im Staube unserer Lehr-kerker, aus den Meisterstücken menschlicher Dichtkunst seien Kindereiengeworden, an welchen greise Kinder und junge Kinder Phrasen lerntenund Regeln klaubten. Er suchte daher, was uns hier am meisten an-geht, eben wie Hamann, nach einer Naturpoesie, die des lebendigenHauches voll sei, und so wenig er in der Sprache die späten undstumpfen Gesetze der Grammatiker verehren wollte, so wenig Ramler'sVerbesserungen und die Grillen der Aesthetik. Er legte das Gcmüth alsMaßstab an die Gedichte, nicht die Regeln des Kopfes, und hier genügteihm oft der rohe Gesang der Wilden mehr, als die zierliche Idylle Geß-ner's. In den Fragmenten untersucht er daher die Natur einer jungenSprache, und findet darin am besten die Elemente poetischen Vortrags.Er setzt sich gegen den modernen Lieblingsgedanken, daß eine Sprache,so lange sie nur Eigenthum des sinnlichen Volkes ist, eingeschlossen undunvollkommen sei, daß erst Wissenschaft und Philosophie sie vollkommenmache. Zur Philosophie vollkommen, gibt er zu, aber die Poesie athmein einem anderen Elemente. Er stellte über allen Zweifel weg, wie Ha-mann, daß die Poesie vor der Prosa sei, und die ersten Dichter diebesten. Er wußte, daß Alles in der Welt seine Stunde hat, und diePoesie die ihrige in der Jugend. Zur Zeit der schönen Prosa wachse inden Dichtungen nichts als die Kunst, später gäbe es nur versificirte Phi-losophie oder mittelmäßige Poesie. Die Sprache einer Zeit, wo dieStände noch nicht geschieden, wo es, wie in der Gesellschaft, noch keinenAdel, Mittelstand und Pöbel unter den Worten gegeben, wo die Prosanoch nicht ausgesiebt war, diese war die reichste zur Poesie. Gegen diealte wilde Sprache sei die unsere mehr für die Ueberlegung als fürSinne und Einbildungskraft. Diese Sätze befremdeten in der ersten Aus-gabe das ganze damalige Geschlecht, die Unterscheidung von Natur- undKunstpoesie, die nachher allgemein ward, die Schiller aufnahm, Herderaber später gerne wieder verwischt hätte, begann hier; die TrennungAchter und jugendlicher Dichtung griff ein, und Herder ließ langehinnicht nach, der blinden Nation den Staar zu stechen, wie schmerzlich ihrdie Operation auch sein mochte. Der Natursinn, der Geschmack für diekindliche Poesie der Urzeiten, den Herder aus Bibel, Homer und Ossiansich angeeignet und in seinen erwähnten Jugeudschriften schon kundgegeben hatte, stieg bei ihm zu einer neuen Lebendigkeit, als er Rigaverließ und auf der Seereise den Ossian las. Ein Tagebuch, das er