Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
425
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Periode der Originalgenies. — Preußen. (Herder.) 425

müsse unser Studium der Geschichte und Philosophie nichts sein, öder-es gebe eine Wissenschaft der näheren und ferneren Zukunft." Aber vor-sichtiger hat Göthe vor dem Pochen ans unser Wissen gewarnt: „Wer-das Vergangene wüßte, der wüßte das Zukünftige." Mit seiner Gabezu erreichen und zu ahnen war Herder mehr als Einer geeignet, Wegezu brechen, um große Aussichten zu öffnen, wenn auch nicht wie Lessingdes Wegs geduldig zu führen: das Ziel der Wahrheit hieß ihm immerein Punkt, oft fand er ihn deutend mit glücklichem Auge aus; er-suchte sich der gefundenen und geahnten Wahrheit mit Bildern undSymbolen zu nähern; sie zu rechtfertigen und faktisch zu belegen, warer weniger- geduldig. Denn er war für alles Mechanische ohne Beharr-lichkeit, für alles Besondere so langsam, als begeistert für das Allge-meine: er liebte Religion, aber nicht Theologie, Musik, aber nicht dasSpielen, Poesie, aber nicht klare Rechenschaft darüber, Philosophie,nicht Specnlation, Universalität, nicht Gelehrsamkeit, Geschichte, ohneSinn für Thatsachen. So kann man selbst von seinem Verhältniß zuLessing sagen: er liebte diesen Mann wahrhaft, als er ihn in seinerCharakteristik im Ganzen überschlug; im Einzelnen hörte er nie auf anihm zu kritteln. Er betete nicht wie Göthe den heiligen Geist der fünfSinne allein an, er stand nicht zufrieden und glücklich wie Lessing in derGegenwart, wie sie war; er sehnte sich -- was seinem Jean Paul sehr-interessant schien — Geister zu sehen und im Mittelalter geboren zusein. Wäre er dort geboren gewesen, so hätte er sich wieder nach seinemJahrhundert der Humanität gesehnt. Denn er kam nicht zu einem reinenAbschlüsse zwischen der Natur, die er in seiner Jugend, und der Kultur,die er im Alter in Aussicht nahm; Beides in der Art zu versöhnen, wiees Lessing gelang, schien ihm nicht so leicht zu werden. Daher sehen wirihn immer in einer so eigcnthümlichen Mitte zwischen diesem und Ha-mann stehen; wir sehen ihn in jenem Schwanken, das allen sogenann-ten Gefühlsmenschen natürlich ist; wir gewahren in seinen Schriftenaus verschiedener Zeit erstaunliche Widersprüche, zwischen denen mansich entscheiden muß, so daß man, bei aller Liebe und Achtung für ihn,oft nicht sein Anhänger sein kann, ohne zugleich mit ihm selbst seinGegner zu werden.

Wenn wir diese Gegensätze neben einander stellen, so werden wirsogleich gewahren, wie sich hier wieder die Elemente einer alten undneuen Zeit streiten, wie man eine errungene Cultur erhalten wollte, ohnedie verjüngenden Natnrrcgungen in der Nation zu verscherzen. Herderstellt in sich dasselbe Schauspiel streitender Elemente vor, wie die