390 Umsturz d. konvcnt. Dichtung durch Verjüng, d. Naturpoesie.
und künstlerische Betrachtung seinen eigenen Dichtungen geschadet, indemer seine wissenschaftlichen Grundsätze aufs Höchste förderte, so nützte da-gegen Herder durch Verwirrung und Vermischung dieser Grundsätze,durch eine Masse von neuen Winken, Ideen, Anregungen und Gedanken-blitzen, den Dichtungen Anderer, indem er seine eigene Kritik, wie seinenGeschmack unsicher und launenhaft machte. Ueberall steht Herder beiseinem ersten Auftreten, soweit er sich der schönen Literatur annahm, aufLessing'S kritischen Leistungen, als auf dem Fundament seiner eigenenSchriften, in deren Ausbau er jedoch dem ersten Plan fast immer aus-wich, und daher ganz gewöhnlich auf lockeren Boden baute. Was unsdiese eben so entschiedene Anlehnung an Lessing, als Abweichung vonihm erklärt, ist, daß Herder in der Literatur fast kein anderes Vorbildhatte als Lessing, und in Einigem Winckelmann, daß dagegen sein per-sönlicher Umgang mit Hamann den Eindrücken, die er dort aus demBuche empfing, ein Gegengewicht hielt, das, wenn nicht durch die grö-ßere Lebhaftigkeit des mündlichen Verkehrs, so gewiß durch die größereVerwandtschaft von Hamann's Geiste zu Herder's ein Uebergewichtward. Wenn wir uns daher Herder erklären wollen, müssen wir noth-wendig zuerst einen Blick auf Hamann werfen, sowie wir Winckelmannhinzuziehen müssen, der in einigen Zügen für Herder, in nicht wenigenfür Göthe ein Vorbild war. Beide Männer gehören Preußen an; Beidehaben in ganz verschiedener Weise, der Eine so mittelbar wie der Andereunmittelbar, große Einflüsse auf die Umgestaltung von Kunst und Wis-senschaft geübt. Sie gehen die Geschichte der Dichtung nicht eigentlichan, sind aber ihrer Anregungen wegen einer wenigstens allgemeinenBetrachtung nicht zu entziehen. Und namentlich sind uns ihre persön-lichen Charaktere, die in den reichlichsten Briefen in größter Unbefangen-heit uns abgebildet vorliegen, ganz unentbehrlich, wenn wir die Art undNatur, die geänderten Gesinnungen und Lebensweisen des jungen Schrift-stellergeschlechts im 8. und 9. Jahrzehent verstehen und es in seinenersten Anfängen betrachten wollen. Auf diesen Charakteren werden wirdaher in den folgenden Skizzen mehr verweilen, als auf ihren Werken,die bei Winckelmann unserem Gegenstände zu entfernt liegen, bei Ha-mann überhaupt zu unbedeutend sind.
Joh. Joachim Winckelmann (aus Stendal 1717—68), ist nebenLessing und Klopstock unstreitig der Mann, der den alten Lebensansichtenund engherzigen Beschränktheiten der deutschen Gelehrten den erstenStoß geben half durch Entwickelung eines ganz eigenthümlichen Cha-rakters, den feindlich anzutasten das ungemeine Verdienst des Mannes