Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
389
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Periode der Originalgenies. Preußen. (Herder.) 389

war unsere Dichtung überhaupt zu retten. Glücklich, daß diese Hand solange ausdauerte. Jean Paul versuchte ja auch, allen jenen Elementenmit noch größerer Kühnheit zu trotzen; er wollte Wirklichkeit und Ideal,alle Wissenschaften, Politik, Philosophie, Pädagogik und Dichtung anBord behalten, aber dafür liegen ihm auch die Trümmer von Allemumher. Und was wollte es vollends bedeuten, daß die Romantiker undLyriker nachher den von Anderen geretteten Kahn mit eitler Selbstgefäl-ligkeit auf dem ebenen Wasser des Portes schaukelten? Aufs hohe Meerhat sich seitdem Keiner hinausgewagt, wie viele Matrosenkünste auch andem alten Tauwerk versucht wurden.

1. Preußen. (Herder).

Nach dieser allgemeinen Aussicht treten wir nun den Gegenständen,den Personen und Werken näher, durch welche die außerordentliche Be-wegung in unsere Literatur kam, die sich uns ankündigt. Wir habenuns zunächst nach Preußen zu wenden, um dem neuen Geiste unter die-sem revolutionären Geschlechte auf die Spur zu kommen, der nachherzwar am Rheine erst greller ans Licht trat. Im 17. Jahrhundert zogSchlesien den Vortheil von den vorhergehenden Regungen am Rheinund im Südwesten von Deutschland; diesmal blieb der Nordosten mehrim Hintergründe und im Nachtheile gegen die westlichen Gegenden, ob-wohl mit die größten Persönlichkeiten von dort ausgingen. Es kam hierganz anders, als Friedrich ll- noch als Kronprinz gemeint hatte, derdamals Königsberg und Preußen mehr tauglich fand, Bären zu ziehen,als die Wissenschaft zu pflegen; er behauptete, die Künste hätten dortnie geblüht und cs werde auch wohl nie geschehen. Gleichwohl schiencs gerade, als ob er selbst und die Wirkungen seines Regiments hieralle außerordentlichen Kräfte, die im Volke schlummerten, hervorgerufenhätte. Welch eine Reihe von Namen bildeten nur die Herder, Winckcl-mann, Hamann, die beiden Förster und Kant, die Preußen in jenenZeiten geboren hat! Unter ihnen hat Herder, den wir schon mehrfachandeuteten, das Verdienst, den ersten großen Anstoß zu einer freierenHervorbringung im Reiche der Dichtung gegeben zu haben. Dies ge-schah nicht durch eigene dichterische Gabe, durch Muster und Beispiel,sondern dadurch, daß er die ästhetische Kritik mehr mit Phantasieschwungals nüchternem Geiste betrieb und dadurch eine Brücke von ihr zur dich-terischen Schöpfung schlug. Hatte Lessing durch Reinhaltung der Kritik