388 Umsturz v. konvcnt. Dichrung durch Verjüng, d. Naturpoesie.
Hemmnisse von außen hinzu, die ihr noch gefährlicher zu werden droh-ten. Die Wissenschaften wurden in den Strom der jugendlichen Begei-sterung mit hineingerissen, und sie zogen manche Kräfte von der Poesieab, und überflntheten mit neuen und leidenschaftlichen Interessen diekaum erwachte Theilnahme an der Dichtung und Kunst. Die Physio-gnomik, der Magnetismus, Geheimlehre und geheime Gesellschaften allerArt machten ein ungemeines Aufsehen, und um so mehr, je mehr siewissenschaftliche und Lebensvechältnisse zugleich umfaßten. Die Reli-gionsstreitigkeiten, die sich aus den reimarischen Fragmenten und sonst-her entwickelten, füllten ein großes Gebiet unserer Literatur aus, undMänner wie Lavater und Herder wurden der Dichtung dadurch ganzentrückt. Die Pädagogik ward eine ganz neue Wissenschaft und brachteeine ganz neue Bewegung in das Leben; sie riß eine ganze Masse vonNomanschreibern in ihren gemeinnützigen Dienst. Die Geschichte wardseit Herder's Anregungen ganz neu begründet und zog sehr schöne Ta-lente ausschließlich an sich. Die Philosophie ward 178 l hergestellt undergriff mit einer ungeheueren Bewegung ganz Deutschland, sogar denkatholischen Süden; und wer sich nur eine statistische Tabelle unsererliterarischen Erzeugnisse entwerfen wollte, der würde erstaunen über denAbfall an poetischen Werken seit den 80er Jahren, wo die philosophi-schen an die Stelle traten. Zn diesen außerordentlichen Gegenwirkungengegen unsere Poesie kam endlich noch die französische Revolution, die dieStaaten erschütterte, das Hausleben störte und tausend Geister irrte.Zwischen all diesen feindlichen Elementen und Stürmen sollte sich dasleichte und zarte Fahrzeug unserer Dichtung erhalten, und wahrlich esist ein Zeichen einer natürlichen Bauart, daß es nicht größere Lecke da-vontrug und sich mit Ehre und Ruhm, wenn auch nicht unversehrt, ineinen sichern Hafen rettete. Göthe zwar, den die politischen Begeben-heiten drückten, den die wissenschaftlichen Reizungen abzogen, und der,was die Hauptsache war, seine schönsten Kräfte bereits gebraucht hatte,Göthe ließ daS Steuer sinken und übergab es neidlos in SchillersHände. Auch dieser war von seinen Kämpfen mit Wissenschaft und Po-litik, mit Philosophie und Geschichte ermüdet und hatte die erste Jugend-kraft darangesetzt; aber er bewältigte Alles und zwang es zum Diensteder Dichtung zurück, in klarer und ausgesprochener Ueberzeugung, daßuns für unser Nationalleben nicht politische Revolutionen frommten,ehe wir unsere geistige Natur gereinigt hätten. Da er seine Dichtungmitten durch jene Klippen und Wellen hindurchsteuerte, so litt freilichunter seiner Hand Steuer und Schiff zugleich, allein nur um diesen Preis