374 Wiedergcb. d. Dicht, nnt. d. Einflüssen d. Moral, n. d. Kritik.
dürfen. So lieb Lessing durch diese Tiefe der intellektuellen Einsicht demphilosophischen Betrachter der menschlichen Dinge wird, so wird er demhistorischen noch lieber durch seine Schonung der Volksbegriffe undAlles dessen, was in dem Glauben der Menschen heilig geworden war.Sein Bruder Karl und Moses hätten ihn gern zu einem Sekteuhauptegemacht, hätten gern gesehen, daß er gleich bei Herausgabe der Frag-mente sich auf ihre Seite gestellt, statt daß er der Orthodorie das Wortzu reden schien. Allein Lessing haßte aus Herzensgrund alles Sekten-machen, und wandte sich daher von Lavatcr, Basedow, und selbst vonGöthe, als seine theatralische Schule ihren Unfug trieb, ab; er würdeseine Göttin selbst, die Wahrheit, verlassen haben, wenn sie eine Sektehätte stiften wollen, und aus diesem Grunde fließt seine paradore Wider-setzlichkeit gegen alles Ausschließende. Er konnte daher auch der Anf-kläruugSsucht des Nirolai nicht genug thun, mit dem er in seinen letztenJahren deshalb nicht mehr viel verkehrte. Er wollte der Welt nicht miß-gönnen, sich aufzuklären, schrieb er an seinen Bruder, er würde sich ver-abscheuen, wenn seine Schriften ein Anderes bezweckten, als diese großeAbsicht zu befördern. Er wollte aber nur nicht das unreine Wasser weg-gicßen, ehe er wisse, woher anderes nehmen. Zwischen deralten Orthodorie und der Philosophie war eine Scheidewand gezogen;jetzt reißt man diese nieder, und macht uns unter dem Vorwände, unszu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philo-sophen. An die Stelle des scharfsinnigen alten Neligionssystems setztesich ein Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen, und mit weitmehr Einfluß auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaßtc.„Meines Nachbars Haus drohte ihm den Einsturz. Wenn es meinNachbar ab tragen will, so will ich ihm redlich helfen. Aber erwill es nicht abtragen, sondern er will cs mit gänzlichem Ruin meinesHauses stützen und unterbauen. Das soll er bleiben lassen, oder — ichwerde mich seines einstürzenden Hauses so annehmcn als meineseigenen." Man erkennt doch auch hier seine reinhaltende und simpli-fieirende Tendenz? die so wenig Religion und Philosophie vermischtwissen will, als früher Philosophie und Poesie! Er philosophirt zwarselbst über Religion und ReligionSbcgriffe, aber nur in der Hoffnung,den Freigeistern tolerante Achtung gegen die sinnvollen Dogmen der Re-ligion einzuflößen, in denen er philosophische Wahrheiten nachweist,nicht in dem thörichten Bestreben, dem Religionsbedürftigen znzumu-then, seine andächtige Achtung von jenen Dogmen ans die Wahrheitenzu übertragen, oder hinter der neuen philosophischen Maske die alte