Schauspiel. (Lcssüig.)
375
Religion zu suchen. Wie viel weiser, wie viel edler und menschlicher,wie ganz Herz und Gemüth erscheint hier der schroffe, strenge Manngegen die heutigen philosophischen Theologen, bei den eben die von Les-sing gefundenen Wahrheiten anfangen sektirisch zu werden! Er hätte inseinem reinerhaltenden Sinne, wenn ihm vergönnt gewesen wäre weiterzu schreiten, den Philosophen sein Christenthum der Vernunft gegeben,dem Volke aber, das der Religion bedurfte, seine „Religion Christi."Er fand das Stichwort, das die Losung eines neuen religiösen Prophe-ten werden mußte, indem er zwischen der Religion Christi unter-schied, die dieser als Mensch gedacht und geübt, die nur Eine klar inseinem Wandel und seinen Lehren vorliegende ist, und zwischen derchristlichen Religion, die mit den vielfach bestrittenen und un-cndlichfach verschieden ausgelegten apostolischen Lehren ansängt. Ergeht also auch hier auf das Reinste und Einfachste zurück; er zeigt, wiees unmöglich ist, daß diese beiden Religionen in Christus selbst hättenzusammen bestehen können. Und ist die Unterscheidung richtig, so istauch die Wahl nicht streitig. Diese Religion Christi fand er in dem Te-stamente Johannes: Kindlein, liebet euch unter einander. Das gemüth-volle Gespräch von Lesstng, das diesen Namen führt, schien Goezen un-möglich von ihm herzurühren. Ihn hatte der Zelotismus blind gemacht.Aber wie Viele drücken auch jetzt noch bei all dem das Auge gegen ihngewaltsam zu. Gegen diese Christomanen, denen dieses Testament nichtGenüge thut, und denen es nur um Buchstaben und Namen zu thun ist,müßte man wieder aus diesem Aussatze als Lessing's Testamentdie Frage richten: Also ist die christliche Liebe nicht diechristliche Religion? O der schwachmüthigen Wortfechter, diediesem Manne, trotz seiner Freigeisterei, nicht mit Rührung und WärmeNachrufen, was sein Klosterbruder dem Nathan sagt: Bei Gott, er warein Christ, ein bess'rer Christ war nie! Und o der Aengstlichen, die sichaus Furcht vor Uebernahme unbekannter Schulden weigern wollen, diesVermächtniß Lessing's anzunehmen! Und doch! Ist nicht dieses Legatim Nathan der Nation schon zugeflossen? haben nicht schon Tausendean diesem Schatze Theil gchabt, an dem noch tausendmal Tausendetheilen können? Schade was um die schlechten Verse oder um die freieForm. Auch so ist das Buch neben Göthe's Faust das cigenthümlichsteund deutscheste, was unsere neuere Poesie geschaffen hat. Wem hatnicht bei dieser freien, sicheren Moral, die in jedem Zuge großartig undmannhaft ist, das Herz geschlagen? Und welcher Mann der späterenZei-ten wäre, den wir uns zum Muster nehmen möchten, und dem nicht diese