Druckschrift 
4 (1853)
Entstehung
Seite
370
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310 Wiedcrgcb. d. Dichr. unt. d. Einflüssen d. Moral, n. d. Kritik.

eben so viel Plan und Verwickelung hat als Ugolino keine, eine eben soreiche und natürliche Charaktergrnppe, als dieser eine kleine und aben-teuerliche. Die Emilie Galotti konnte den Sturm - und Drangstückenkeinen Einhalt thun, sie wirkte aber auf ruhigere Stücke dieser Zeit den-noch fort ^0), auf Clavigo und Stella, in denen Lessing'S Prosa hierund da deutlich durchlautet, auf Leisewitz und Aehnliche. Daö Themades Verwandtenmords griff tief in die Zeit ein, obwohl anders gefaßt;die Charaktersormen wirkten am wenigsten weiter, weil sie nirgends aufähnliche Energien in den Dichtern trafen, sie waren den Leidenschaft-lichen zu natürlich, und den Schwachen wie Claudius u. A. unheimlichund hart. Besonders seine Frauen wollte man nicht leiden, bei denenfreilich der Mangel der romanhaften Schminke am meisten auffällt. Ueberdie tragische Katastrophe selbst hat man mit dem rechnenden Dichter nieaufgehört zu rechnen; einem sentimentaleren hätte man viel mehr ver-geben. Wenn man nur zugibt, daß es dem Stücke an jener abruuden-deu Fülle des Thatsächlichen weniger als der Gefühle und Leidenschaftenfehlt, ein Mangel, den das fehlende Dichtcrtalcnt mit sich brachte, undden übrigens der ächte Schauspieler erstaunlich weit ersetzen kann, wennman erlaubt, das hinzuzudenken, was ungezwungen aus der Anlage desStückes folgt, so kann mau es psychologisch und tragisch gegen jedeEinwendung sicher stellen. Schon das ist ein Meistergriff, daß Lessingin dem einmal gegebenen Stoffe das Kind zur tragischen Figur machte,da es in der alten Fabel der Vater ist, was nach den neuen Beg-riffen,die dem Vater nicht so viel Macht über die Tochter geben, zu ungeheuerausgefallen sein würde. Was aber das Stück vielleicht zum tragischstenaller deutschen Trauerspiele macht, ist der Gebrauch des Schicksals nachden christlichsten Begriffen, nach denen sich hier die Menschen mit offen-baren Thateu ihre Geschicke selbst knüpfen, bis an der verborgenstenStelle das unsichtbarste Fädcheu, zu plump geschlungen, reißt, und dasGewebe unter den Händen jener dämonischen Orsina sich auflöst, dieauf eine treffliche und viel feinere Weise jene Wahrsager der antikenTragödie darstellt, als die Margarete in Shakespeares Richard. Ebensomeisterhaft ist die Fabel in Nathan angelegt, wo eine Reihe dunkler, ver-schlungener, zufällig scheinender, unbegreiflicher Begebenheiten zuletzt inEinem lichten Punkt zusammenfallen, die, indem sie alle Schicksals-

I7S)Emilie Galotti stieg aus der Wasserflut wie die Insel Delos auf, um einekreisende Göttin barmherzig aufzunehmen. Wir jungen Leute ermuthigten uns daranund wurden Lessing viel schuldig." Göthe.